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Meine Mutter ist in einem Alter, in dem sie in ihrem Schrank mit den wichtigen Unterlagen ein Fach ihrem Tod gewidmet hat. Dort liegen unsere Unterschriften unter einer Art Proto-Erbschein, außerdem die seit zwei Jahren ausgestellten Vollmachten für ihr Konto. Falls sie einen schweren Unfall hat oder ins Koma fällt, sollen wir die Geräte abschalten und kein Leben, das nicht mehr weiter will, erhalten. So lebendig tot sein will sie ja nun auch nicht, sagt sie. Begraben werden möchte sie im Thüringer Wald, in der Nähe des Häuschens ihrer Großeltern.

Ein Friedwald wäre ihr am liebsten, ein Baum mit schlichter Metallplakette, dann kann der Hund auch mit. Denn wir Kinder werden keine Enkel mehr kriegen, die Zeiten sind nicht gut. Der Hund, der ist aber da und der soll mitkommen. Seit einigen Jahren also diese Gespräche über das Sterben, immer auch mit einer gewissen humorvollen Distanz. Gleichzeitig ist es die Implosion unseres Kinderuniversums, die irgendwie immer über uns dräute, denn dann sind wir ganz alleine.

Seit etwas mehr als einem Jahr raucht meine Mutter, die Leichten von R1, sie will ja nicht gleich sterben, sagt sie. 58 Jahre Nichtraucherin, höchstens mal eine für die Nerven. Es sind die letzten Jahre bis zur Rente, jetzt doch noch eins mehr als vorgesehen. Einmal ruft sie an, weint: „Vielleicht bin ich nächstes Jahr nicht mehr da.“ Vielleicht kommt sie nächstes Jahr die Treppen nicht mehr hoch, vielleicht sitzt sie nächstes Jahr im Rollstuhl, vielleicht ist sie nächstes Jahr dement. Vielleicht.

Ob sie Schmerzen habe, frage ich. Ja, geht so, der Rücken, die Gelenke, das Übliche. Wenn ich da bin, reibe ich die Stellen mit scharfer Salbe ein, massiere die Verknotungen aus dem Gewebe, so gut es eben geht. Ach, deine arme Haut, sagt sie, die brennt jetzt sicher auch. Mein Bruder hat da eher Hemmungen. Er arbeitet als Koch in einem Altersheim in Bayern, vor zwei Jahren lag ein Bewohner auf dem Gehweg, er war aus dem dritten Stock gesprungen. Mein Bruder fand ihn damals. Er umhegt diese alten Menschen, ihre Körper, füttert sie mit seiner Kochkunst und schmuggelt für die Diabetiker auch mal ein Dessert aus der Küche. Warum freudlos länger leben? „Damit die Verwandten jemanden zum Besuchen haben“, sagt einer der Diabetiker und lacht.

Mutti will nicht nach Bayern, sagt sie. Sie will nicht bei den westdeutschen Rentnern sterben. Sie würde gern nach Berlin. Am See, im Grünen wohnen. Und wie die Kur-Rentner aus der Thermestadt Bad Langensalza will sie erst recht nicht enden. Die würden sich gar nicht mehr rühren, die stünden nur noch im warmen Wasser. Nee, das wär nix für sie, noch sei sie ja nicht tot, sagt sie. Diese Rentner würden ja nur noch von A nach B gekarrt: baden gehen, anderswie dauerbespaßt werden, in der Zwischenzeit haben die Pflegekräfte im Heim auch mal Pause. Sagt Ronny, der Physiotherapeut, bei dem Mutti am 7. Oktober bäuchlings auf der Pritsche liegt, haha, lachen die beiden: Ist heute nicht der Geburtstag der Republik? Kannst du die Hymne noch?

Sie sagt, jetzt würden ihre Kreise immer kleiner. Früher wollte sie die Welt bereisen, mittlerweile verbringt sie den Sommer in Schweden, den Rest des Jahres hat sie sich mit der kleinen Stadt als Zuhause arrangiert. Zweieinhalb Zimmer am Stadtrand zur Miete, Gartenstück mit Bank und Birke, ein sonniger Platz am Küchenfenster und ihr Schrank mit den wichtigen Unterlagen.

Der Tag wird kommen, an dem der Garten schemenhaft wirkt und die Birke leiser rauscht, der Tag, an dem sie vergessen haben wird, dass es uns jemals gab.

 

Sylvia Lundschien

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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