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Nun sitze ich neben einem alten Ehepaar in der U-Bahn.

„Darf ich fragen, wo Sie hinfahren?“

„Ja dürfen Sie“, antwortet er schlicht.

Nach einer Minute frage ich erneut … obwohl … genau genommen zum ersten Mal: „Ähhm, wo fahren Sie hin?“

„Zum Bestattungsinstitut“, antwortet er.

„Oh, das tut mir leid“, entfährt es mir reflexartig.

„Warum? Noch ist ja niemand tot und selbst wenn, was könnten Sie dafür?“

Wo er recht hat …Warum will man sich automatisch für Dinge entschuldigen, für die man eigentlich gar nichts kann? Doch wieder lassen mir die Zwei keine Sinnierzeit.

„Aber bevor es Ihnen wieder leid tun muss, zu fragen, wir wollen lediglich alle Formalitäten klären für unser Ableben. Wir möchten das nämlich gern alles selbst entscheiden. Die Familie macht doch eh nur trauerverklärten Unfug mit uns!“ Er klingt aufgebracht.

Sie ergänzt: „Wir wollen verbrannt werden und dann zusammen in eine Transport-Urne. Romantisch, nicht wahr?“

„Und es spart Geld“, flüstert er mir zu.

Vermutlich auch besser so, auf dem Friedhof verrottet man ja eh nicht mehr. Der Boden ist wegen der ganzen Verwesungsprozesse zu sauer, das ist schlecht für die Bakterien und der Verfall dauert immer länger. Mich gruselt die Vorstellung, dass man durch die auf einen Zeitraum begrenzte Platzmiete nur eine bestimmte Zeit zum Verwesen hat. Quasi eine Verwesungsdeadline. Und ich war ja noch nie sonderlich pünktlich. Dann wird mein Sarg womöglich nach zwanzig Jahren ausgebuddelt und ich bin noch so gut wie neutot. Vermutlich werde ich dann doch noch verbrannt, oder meine Familie verkauft mich aus Geldmangel an Körperwelten, während die teure Kiste aufpoliert zu den Gebrauchtsärgen kommt. Nein danke!

„Eine Transport-Urne? Also wollen Sie, dass irgendwas mit Ihrer Asche passiert?“

„Naja, ich will ja als Dünger ins Rosenbeet … aber mein Mann würde lieber in den Hibiskus.“

Ich muss lachen. Beide stimmen ein und er fügt noch hinzu:

„Was denn, was denn? So sind wir doch wenigstens nicht umsonst gestorben!“

Einfach super! Alle suchen nach dem Sinn jenseits des Lebensendes, und für die beiden besteht dieser darin, als Dünger in ihren Beeten zu landen. Nicht mal aus Glaubensgründen, weil sie etwa denken, sie würden in den Pflanzen weiterleben oder so, nee, einfach nur aus purem Pragmatismus. Ein ursprünglicher Gedanke. Asche zu …

Aber stimmt schon, der Kreislauf und so … alles ist eins. Ich glaube, das mach ich auch so. Besser noch. Ab auf den Kompost, um dann im nächsten Frühjahr in alle Beete eingebettet zu werden.

Ich finde die beiden äußerst erfrischend. Erstaunlich, wie lässig sie mit dem Tod umgehen. Aber warum auch nicht? Menschen sterben, Dinge gehen kaputt. So ist das nun mal. Angst davor und Trauer danach ändern nichts daran. Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann würde ich nicht wollen, dass man um mich trauert. Ich mag es nicht, Leute unglücklich zu machen. Also wird testamentarisch eine dicke Party angeordnet und alle dürfen sich gerne erinnern, aber nicht trauern

In unserer Kultur leider schwer umsetzbar, trotzdem ein schöner Gedanke.

Ich erzähle den beiden von dem Gedanken. Er erwidert:

„Wirklich ne gute Idee, Junge, aber vermutlich hält sich da eh keiner dran. Vielleicht sollte man einfach anordnen, dass Lachgas über die Belüftungsanlage in den Raum geleitet wird. So hätten sie zumindest während der Feier ihren Spaß.“ Beide lachen laut, herzlich und ehrlich. Dann sagt er einen Satz, an den ich noch lange denken werde:

„Der Tod ist die Pointe im Witz des Lebens. Und wenn der Witz gut war, lacht man auch bei der Pointe. So is das!“

Tja … so ist das. Was sollte man dazu noch groß sagen?

 

— Marien Loha

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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