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Das Grab meiner Eltern bedeutet mir nichts. Es bedeutet mir nichts, weil es nichts mehr mit ihnen zu tun hat, weil ich die Erinnerungen an sie, genau wie meine Trauer, in mir habe, nicht dort auf dem Friedhof. Da ist ein Stein, darauf zwei Namen, Daten und statt des üblichen Kreuzes eine eingemeißelte Taube, wie die von Picasso mit einigen wenigen Linien skizziert.

Mein Vater hatte Tauben, seit er vierzehn war. Gegen Ende seines Lebens hatte er nur noch weiße Tauben, die fand er am schönsten, über hundert, genau weiß ich das nicht mehr. Die Tauben hatten Ringe am Fußgelenk mit Nummern, er kannte alle diese Nummern auswendig. Zuerst bei den bunten Tauben, die Rennen geflogen sind, später auch bei den weißen, die nur kurze Strecken zurücklegen konnten. Ich hab ihn manchmal geneckt und „Guck mal, da ist 2804“ gesagt, er hat nur hingeguckt und gesagt „Quatsch, das ist doch 1756, siehst du das nicht?“

Er selbst hat in seinem letzten Sommer vorgeschlagen, dass wir die weißen Tauben bei seiner Beerdigung fliegen lassen könnten und der Andreas, ein Freund vom Taubenverein, hat das gemacht. Der Pfarrer hat das im Vorfeld abgenickt, die anderen Vereine kämen doch auch. Auf dem Land ist das üblich: Kolping, Malteser, katholische Frauengemeinschaft, Jagdhornbläser, Schützenverein mit Fahnen und Uniformen, das volle Programm, fast wie beim Karneval.

 

Andreas kommt vormittags zu uns, fängt einige Tauben ein und steckt sie in einen braunen Transportkasten. Das ist immer eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit, selbst an einem so klaren, kalten Wintertag wie diesem. Am Grab öffnet er erst den Deckel und dann die inneren Klappen des Korbes, aus dem es leise gurrt. Die Glocken der Kapelle läuten nicht mehr, es ist jetzt ganz still draußen. Von diesem Moment an geht es sehr schnell. Zuerst fliegen nur ein paar einzelne Tauben hoch, nach und nach folgen die anderen. So hört man deutlich das Geräusch der sich bewegenden Flügel. Ich habe das noch nie so intensiv gesehen und gehört wie heute. Am Anfang nimmt man noch einzelne Flügelschläge wahr. Als die Tauben dann einen Schwarm bilden, wird das zu einem gemeinsamen Ton, die Begleitmusik zum Bogen, den die Tauben meines Vater noch über den Friedhof ziehen, bevor man sie nicht mehr sieht.

 

Der Friedhof ist auch ein Ort des Prestiges, größer, bepflanzter, gepflegter. Man sieht und wird gesehen. Bei Beerdigungen wird geguckt, wie es auf den Gräbern der anderen Familien so aussieht. Genau, noch schlimmer als Vorgärten, wie eine kleine Landesgartenschau. Wer kauft den dicksten Kranz? Was steht auf den Schleppen? Wie traurig gucken die Angehörigen? Wer war noch so dort? Hinterher Kaffee mit Butterkuchen und Schnittchen. Das hat durchaus auch sein Gutes, man kommt dadurch wieder zur Ruhe.

Das Grab meiner Eltern bedeutet mir nichts, weil beide nicht mehr dort sind. Was dort ist, sind nur zwei Körper, zwei ehemalige Körper, die ihren Blick verloren haben und die tatsächlich, wie man das so oft lesen kann, ihrer Seele beraubt sind. Diese Körper haben wir in Anzüge gekleidet, ihnen haben wir Rosenkränze mitgegeben und Blumen nachgeworfen.
Manchmal aber, wenn ich sonntags morgens das Dachlukenfenster meiner Küche öffne, fliegt eine Taube von der Dachrinne zum Haselnussbaum im Garten und ich sehe ihr hinterher. Dann denke ich an die beiden.

 

Anja Lemmermöhle

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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