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Felix, stell dir mal vor, du bist ein Füllfederhalter, der einen Brief schreiben soll. Zuerst taucht man dich in ein Tintenglas und füllt deine Patrone auf, damit du auch für den ganzen langen Brief genug Tinte hast. Dann setzt man dich mit leichtem Druck auf ein schönes Blatt Papier und fängt an, dich in anmutigen Linien zu führen. Und du bringst die Gedanken desjenigen, der dich in seiner Hand führt, aufs Papier. Da können Welten entstehen, nur weil du, der Füller, dich so schön auf dem Papier führen lässt. Vielleicht wird mit dir ein Liebesbrief geschrieben, oder ein Mahnbrief. Vielleicht geht es um etwas Heiteres, oder um ein trauriges Thema. Alles, was du schreibst, kommt von einem Herzen, das sich mitteilen möchte. Ich möchte heute auch etwas mitteilen, Felix. Es fällt mir nicht leicht, es auf Papier zu bringen, denn das Thema, um das es geht, ist buchstäblich unbeschreiblich. Trotzdem versuche ich es aufzuschreiben, damit du verstehst, warum ich dich verlasse. Ich habe eine Krankheit, die man nicht heilen kann und werde bald sterben. Sabine hat mir erzählt, dass du sie gefragt hast, wie es sich anfühlt, wenn jemand stirbt. Sie hat es nicht erklären können, und ich kann es auch nicht, obwohl ich gerade sterbe. Das Sterben ist ein Prozess, weißt du, das geht in meinem Fall langsam und schleichend. Es macht mich manchmal traurig und manchmal stimmt es mich heiter, auch wenn man sich das nicht vorstellen kann. Seitdem ich weiß, dass ich sterben muss, ist meine Wahrnehmung viel intensiver geworden. Ein Regenwurm auf dem Gehweg erregt meine Aufmerksamkeit viel mehr als ein teures Auto auf der Straße. Der Regen an meinem Fenster ist mein Freund, ich kann ihm stundenlang zuschauen, wie er gegen die Scheibe prasselt und dann vom Fensterbrett in die Tiefe springt. Die Risse in meiner Schlafzimmerdecke erzählen mir Geschichten von Menschen, und der Wasserkocher pfeift dampfig Melodien, viel schöner als die Lieder im Radio. Es fällt mir sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich will nicht, dass dich mein Tod traurig macht. Es ist der erste Tod in deinem jungen Leben. Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir von einer Erfahrung erzähle, die ich mit dem Tod hatte. Ich war damals schon über zwanzig und hatte richtig große Angst vor dem Sterben und dem Tod, denn ich konnte mir das nicht erklären: Was ist Sterben, was ist Tod? Warum müssen geliebte Menschen gehen? Die Mutter von meinem besten Freund war damals sehr krank und ich wusste, dass sie bald sterben musste. Als es ihr schon sehr schlecht ging und sie große Schmerzen hatte, besuchten wir sie oft im Krankenhaus. Da lag sie in einem Zimmer und durfte keine Blumen bekommen, wegen der Keime. Das war unendlich traurig. Sie war geschwächt, aber sie freute sich, wenn wir sie besuchten und hat sich, solange es ging, mit uns über die alltäglichsten Dinge unterhalten. Damals kam es mir manchmal so vor, als würde sie das mit Absicht machen, weil sie uns nicht mit dem Thema Tod ängstigen wollte. Aber im Nachhinein glaube ich, dass das etwas ganz Natürliches ist, über alltägliche Dinge zu sprechen. Ich möchte auch über das Leben sprechen, mich mit Menschen über Menschen unterhalten, komische Sachen erzählt bekommen und wissen, was um mich herum passiert. Traurig sein möchte ich auf keinen Fall in den Tagen, in denen ich sterbe. Dafür habe ich keine Zeit. Ich möchte so normal wie möglich leben, trotz des Unbegreiflichen, das mich erwartet. Die Mutter meines besten Freundes war lange Zeit im Krankenhaus und hat immer mehr abgebaut. Wenn sie gerade keine Schmerzattacken hatte, war sie oft fröhlich, und wir haben uns immer gut unterhalten. Kurz vor ihrem Tod hatte ich das Gefühl, dass sie alles viel intensiver in sich aufsaugte, was wir ihr erzählten. Sie schaute uns dann mit großen Augen an und es machte den Anschein, als würde sie das Gesagte in ihrem Gedächtnis einbrennen, als würde sie es speichern, um es dann mitzunehmen auf ihre letzte Reise. In dieser intensiven Zeit hatte ich einen Traum. In diesem Traum war die Mutter meines Freundes ein Kind, sie nahm uns beide bei der Hand und wir gingen über eine grüne Wiese. Sie hatte ein blütenweißes Kleidchen an und strahlte übers ganze Gesicht. Irgendwann ließ sie unsere Hände los und ging alleine weiter, mein Freund und ich blieben stehen und schauten ihr hinterher. Sie lief über die unendlich wirkende grüne Wiese Richtung Sonnenuntergang und wir schauten einfach hinterher. Als sie nur noch ein kleiner Punkt war, drehte sie sich um und winkte uns fröhlich zu, dann verschwand sie. Das war der Abschied gewesen. Sie hatte uns verabschiedet und uns gezeigt, ihr müsst nicht traurig sein, wenn ich gehe. Und das möchte ich dir auch sagen, Felix. Du musst nicht traurig sein, wenn ich gehe. Es wird ein Herbsttag sein, an dem ich gehe. Ein Herbsttag, wie wir ihn beide noch nicht erlebt haben. Der Tod kommt einfach und wird vielleicht einen Sturm auslösen. Vielleicht steht aber auch die Luft still, und man kann die Blätter von den Bäumen fallen hören. Der Herbst ist eine aufwühlende Zeit. Stell dir vor, wie die Natur sich wandelt, wie die Früchte von den Bäumen fallen, die Blätter sich verfärben und zum Boden hinabsegeln, wie der Wind und der Regen die Menschen in die Häuser bringt. Aber der Herbst ist keine traurige Zeit! Nur eine Zeit des Umbruchs. Und das wird dieser Herbst auch für uns sein. Ich werde sterben und du wirst leben.
   Ich bleibe in deinen Gedanken.

Deine Helena

 

Ruth Frobeen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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