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Die Sonne ist längst hinter den Wolken verschwunden und wirft dennoch einen Schatten auf die Sonnenuhr. Die goldenen Ziffern leuchten in der dunklen Wand.

Es ist Winter.

Vor zehn Jahren, als mein Vater starb, hielt ich mich für eine Expertin in Sachen Winter, denn dieser herrschte in jenem sonnigen Mai in mir.

In unserem Garten, wo mein Vater begraben werden wollte, sprossen vierblättrige Kleeblätter, haufenweise. Ich sammelte sie in einem Glas – sie verwelkten und verblassten. Alle verschwanden wieder genau so, wie sie gekommen waren.

Das ist der Lauf der Dinge, ein Kreislauf. Inzwischen hat sich der Winter wieder zurückgezogen und der Sommer blüht, aufdringlich und üppig. Aber – da war doch noch was?

 

Katja Kunz

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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