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Meine Cousine war ein halbes Jahr jünger als ich. Zuletzt war sie noch sechzehn und ich schon siebzehn. Als Kinder verbrachten wir die Ferien zusammen, dazwischen schrieben wir einander Briefe auf dünnem Papier, das nach Kaugummi roch.

Meine Cousine musste immer warme Kleidung tragen, auch im Sommer. Während ich nackt im Garten unserer Großmutter herumlief, blieb sie mit Stirnband und Jacke auf der Terrasse sitzen. Sie war nicht krank, aber ihre Mutter hatte Angst vor Erkältungen.

Ein mir unbekannter Freund meiner Cousine hat sie mit 42 Messerstichen umgebracht.

Wie im Wahn, sagte wohl die Polizei. Ohne Grund, sagte wohl der Täter.

Man fand sie unter einer Wolldecke in seinem Zimmer. Er erhängte sich kurz darauf in der Zelle.

Früher war es so gewesen: Wir besaßen die gleichen Kleider, wir spielten beide Klavier, sie tanzte Ballett und ich war neidisch auf ihren grazilen Körper.

Wir machten Klingelstreiche, gingen ins Schwimmbad, schlürften im Eiscafé Kokosmilchshakes.

Irgendwann sagte sie, dass sie vor ihrem dreißigsten Geburtstag sterben wolle.

Auf einer Familienfeier rührte sie Pferdemist und gelben Rotz in das Getränk eines Mannes.

Eines Tages hatte sie mir ihre aufgeritzten Arme gezeigt.

Angeblich hatte sie geschlafen, als er auf sie einstach. Es war die Nacht vor Silvester. Seine Großmutter saß im Erdgeschoss vor dem Fernseher.

Am Tag nach der Beerdigung druckte die BILD-Zeitung ein Foto der Trauergemeinde auf dem Weg zum Grab. Meine Tante, die sich weinend zusammenkrampft, mein Onkel, der versteinert daneben geht, mein eigenes blasses Gesicht und darüber diese hässlichen, hässlichen Buchstaben.

Sechs Monate später kam ihre jüngere Schwester zu uns. Sie, meine Geschwister und ich, wir wollten ganz normale Sommerferienkinder sein, in bunten T-Shirts, zerbeulten Shorts, mit Sonnenbrand und nassen Salzwasserhaaren. Wir angelten Krebse und schwammen im Meer. Mein Vater spendierte Eisportionen, die größer waren als je zuvor, er fuhr mit uns ins Tivoli und wir rannten übereifrig von einem Fahrgeschäft zum nächsten. In der Achterbahn entstand ein Foto. Automatisch knipste die Kamera am Gleisrand unseren dilettantischen Fluchtversuch. Auf dem trüben Abzug sind unsere offenen Münder zu sehen, schwitzige Haare im Gesicht, hochgezogene Schultern, verzerrtes Lachen. Oh, wie wir lachen, wie wir betäubt sind von Schmerz und abgrundtiefen Fragen.

Seit über zehn Jahren keine Antworten, nur Bilder in mir, die es so nie gegeben hat. Blutlachen auf dem Teppichboden, weiße Fliesen im Obduktionssaal, Tacker im Oberkörper, die dünne Linie ihrer toten Augenbrauen. Was sind das für Schmerzen gewesen? Wie groß ist die Kraft in den Armen eines jungen Mannes. Folgt auf jede Brutalität Erschöpfung? Hat er sich anschließend schlafen gelegt?

Übrig bleibt immer nur ihr Grab. Eine stumme Inschrift auf einem kalten Stein, der bald schon länger existiert, als sie je gelebt hat. Zuletzt war sie noch sechzehn und ich schon siebzehn. In meinen Gedanken bleiben wir immer beinahe gleich alt.

 

Marie-Louise Monrad Møller

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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