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Du weißt ja, wo das Haushaltsgeld ist“, meinte ihre Mutter noch, strich ihr sanft über das Haar, dann waren ihre Eltern in den Urlaub verschwunden und Marissa war alleine zuhause. Sturmfrei. Endlich. Nun würde sie niemand mehr stören, wenn sie in ihrem Zimmer saß und ihre Ruhe haben wollte.
Sie machte sich eine Tasse Tee, suchte sich alle Kissen und Decken des Hauses zusammen, baute eine kuschelige Höhle und schon war er bei ihr. Dennis. Ihre Heimat, ihr Rückhalt, auch wenn er nicht real war. Sie fühlte, wie er sich zu ihr setzte und einen Arm um sie legte. Er klaute ihre Tasse, trank einen Schluck und gab sie wieder zurück.
Heute machen wir lieber etwas Ruhiges, die beiden haben gerade schon genug Hektik verbreitet mit ihrem Urlaub. Wie wäre es mit einem DVD-Abend?“ Marissa stellte die Tasse weg und rollte sich im Kissenhaufen ein. Er legte sich zu ihr und sie fühlte seine Brust, die sich beim Atmen hob und senkte, seinen Herzschlag an ihrem Rücken. Sie kuschelten sich regelrecht durch den Tag, schauten DVD um DVD und schliefen schließlich Arm in Arm ein.

Die nächsten Tage waren hervorragend. Sie verbrachten ihre Zeit damit, durch die Natur zu streunern, Feldblumen zu pflücken und auf Bäume zu klettern. Mit einem Gänseblümchenkranz auf dem Kopf sah Dennis so lächerlich niedlich aus, dass Marissa gern ein Foto davon gehabt hätte.
Sie buchten einen Helikopterrundflug über die Stadt, einen Fallschirmsprung, eine Paarmassage. Dennis zeigte ihr einen riesigen Wasserfall im Wald, von dessen Existenz sie nichts gewusst hatte, eine Wüstenoase fast direkt vor der Haustür, und schließlich lernten sie gemeinsam fliegen – ohne Flugzeug, ohne Flügel. Wer hätte gedacht, dass Schwimmbewegungen auch in der Luft funktionierten? So viel Aufregung war allerdings auch ermüdend, abends kippten sie völlig fertig ins Bett und schliefen ein, immer Arm in Arm.

Der Gerichtsmediziner zuckte mit den Schultern. „Keine Fremdeinwirkung und auch keine fremden Substanzen im Blut. Keine Schlafmittel, keine Drogen. Nur Dehydrierung und Unterernährung. Aber wie kann man in einem Haus randvoll mit Essen einfach verhungern?“
Die Eltern standen unter Schock. Als sie aus dem Urlaub gekommen waren, hatten sie Marissas Leiche in einer Höhle aus Decken gefunden. Wie hatte das passieren können? Und doch irritierte sie etwas: Seit Jahren hatten sie ihre Tochter nicht mehr in guter Stimmung erlebt, und jetzt, im Tod, trug diese ein Lächeln und den friedlichsten Ausdruck im Gesicht, den man sich nur vorstellen konnte. Sie wirkte so glücklich.

 

Birgit Schwäbe

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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