258

Tagebucheintrag vom 29.10.2006

Es ist vorbei. Die schlimmsten Ängste und Befürchtungen sind wahr geworden. (…) um 19 Uhr hat sie zu atmen aufgehört. Sie ist ganz friedlich gestorben und war nicht alleine. Aber ich wollte sie doch noch einmal sehen, nur ein Mal noch in den Arm nehmen.“

Ich konnte dich nicht mehr in den Arm nehmen, deine Hand nicht mehr halten, auch wenn ich mir das so sehr wünschte. Wie sehr, das begriff ich erst letztes Jahr, als mir meine Therapeutin verdeutlichte, dass nicht meine Mutter, schon gar nicht mein Vater, sondern du meine primäre, meine wichtigste Bindungsperson warst. Du hast es zwar nicht gewusst, aber als vor gut zehn Jahren das erste Mal Suizidgedanken bei mir auftauchten, warst du ein wichtiger Grund, warum es nur Gedanken blieben. Kein Wunder, dass diese Hemmschwelle sank, als du gingst.
Heuer verstrich der 29.10., ohne dass ich aktiv an dich dachte. Auch in meinen Träumen hast du mich nun schon länger nicht besucht. Ich habe es trotz allem geschafft, nicht an all den Schmerzen zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen. In einer Imagination während meiner Psychotherapie tauchte einmal ein Glas voll Apfelsaft auf. Apfelsaft, wie du ihn immer selbst gemacht hast. Den ich das letzte Mal als Kind getrunken habe. Doch in meinem Herzen trinke ich immer noch diesen Apfelsaft, der so süß, so zart, nach Geborgenheit und Liebe schmeckt. Dieses Glas leert sich nicht, egal wie viel ich davon trinke. Denn du bist immer noch so ein großer und wichtiger Teil meines Lebens, auch wenn es nun schon unglaubliche acht Jahre her ist, dass ich das letzte Mal deine Hand hielt und danach dieses Gedicht schrieb:

Hände, gezeichnet von der Zeit
Falten und Narben sind zu sehen
Nichts weilt bis in die Unendlichkeit
Konntest du das Leben verstehen?
Meine Hände, jung und klein
Das Leben haben sie noch vor sich
Halten die deinen, einst auch so rein
Zitternd, aus Angst und Vorsicht

Du siehst mich an, was ist das nur?
Gefühle einst so wunderbar
Langsam tickt nun deine Lebensuhr
Bist so fern und doch so nah
Müde Augen schauen mich an
Bald musst du wohl gehen
Obwohl ich es nicht glauben kann
Muss ich es doch verstehen

 

––– Meichy

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.