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Das unsterbliche Telefon:
Ein Telekomdrama in fünf Akten

 

Prolog

Akt I – Trauer und Hoffnung

Akt II – Enttäuschung und Verwunderung

Akt III – Verzweiflung und Wahn

Akt IV – Die Vorstandsbeschwerde

Akt V – Das Finale

Epilog

 

Prolog

Alles fing damit an, dass meine Mutter plötzlich starb. Sie war lange krank gewesen, dennoch kam der Tod für sie und uns überraschend, am Morgen eines außerordentlich schönen Septembertages, der so mild und so bunt war, dass man sich sofort in jedermann hätte verlieben können.

Sie starb allein. Niemand hielt ihre Hand, niemand streichelte sie, niemand war da, um ihr leise Worte der Liebe ins Ohr zu flüstern. In einer letzten Bewegung drehte sie sich, schon am Boden liegend, auf die Seite, um in ihren prachtvollen Garten zu blicken. Dann schlossen sich ihre Augen. In dieser Position fanden wir sie, und ich bin mir nicht sicher, ob wir jemals darüber hinwegkommen werden.

 

Akt I – Trauer und Hoffnung

Der Schock und die Trauer waren unbeschreiblich. Mein Bruder und ich weinten tagelang. Wir konnten uns nicht verzeihen, dass wir im Sterben nicht bei ihr waren und dass wir zuletzt nicht mehr Zeit mit ihr verbracht hatten. Ich weinte im Supermarkt, in der Stadtbibliothek, sogar im Zug, so dass die anderen Fahrgäste nach und nach das Abteil verließen. Ich habe im Leben noch nie so viel geweint.

Aber es gab auch gute Momente: Unzählige Menschen trösteten uns, nahmen uns in den Arm und redeten uns die Selbstvorwürfe aus. Schließlich vermittelten sie uns sogar eine Form von Hoffnung, dass das Band zwischen unserer Mutter und uns nicht einmal durch den Tod zerrissen werden könne. Erst nach ihrer Beerdigung hatte unsere Trauer so weit nachgelassen, dass wir damit anfangen konnten, die Dinge zu ordnen.

Unzählige Verträge, Mitgliedschaften und Abonnements waren zu beenden. Wir teilten uns die Aufgaben brüderlich. Ich zog dabei das Los, den Festnetzanschluss der Deutschen Telekom zu kündigen und frohlockte insgeheim, weil ich annahm, dies sei einer der leichteren Vorgänge. Ich ahnte nicht, wie sehr ich mich getäuscht hatte, als ich das erste Mal die Nummer der Hotline wählte: 0800-3301000.

Heute kann ich diese Nummer auswendig. Sie ist so präsent, dass ich sie jederzeit und überall aufsagen kann, egal ob im Büro, in der Sauna oder in der Straßenbahn. 0800-3301000. Ist doch gar nicht so schwer.

Beim ersten Telefonat wartete ich etwa zwanzig Minuten und musste unzählige Fragen beantworten, bevor ich mit einem lebenden Wesen verbunden wurde. Dann erfuhr ich, dass es mit einer einfachen Email nicht getan war, sondern dass ich stattdessen eine schriftliche Kündigung inklusive Kopie der Sterbeurkunde an das Kundencenter der Telekom in Bonn zu richten hätte. Nicht mit Einschreiben, immerhin. Ich tat, wie mir gesagt wurde, und erhielt einige Tage später ein Schreiben der Telekom mit Kondolenzbekundung und der Information, dass der Anschluss umgehend gekündigt werden würde. Ich freute mich über den reibungslosen Ablauf und hakte die Akte Telekom ab. Vorerst.

 

Akt II – Enttäuschung und Verwunderung

In den folgenden Wochen und Monaten begannen wir teils allein, teils gemeinsam mit der Räumung des Hauses. Ich habe mir nicht vorstellen können, was für ein überaus schwieriger und schmerzvoller Prozess eine Haushaltsauflösung sein würde, und ob er jemals enden wird, weiß ich nicht.

Anfang Dezember jedenfalls, in einer der wenigen Ruhepausen während des Leerräumens, fiel mein Blick auf das Telefon. Der Anrufbeantworter meiner Mutter blinkte noch immer. Nun tat ich etwas, was ich nicht hätte tun sollen, und wovon ich jedem abrate, der in die gleiche Situation gerät. Ich hörte den Anrufbeantworter ab: Zunächst noch fröhliche, scherzhafte Meldungen, dann wachsende Verwunderung, die langsam in Besorgnis übergeht und schließlich Entsetzen. Ich musste mich hinsetzen, brach in Tränen aus und löschte alle Sprachnachrichten.

Als ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte, kam mir ein noch verhängnisvollerer Gedanke, nämlich zu prüfen, ob die Telekom ihr Wort gehalten hatte. Ich drückte auf die grüne Taste und erhielt: ein Freizeichen. Tuuuuuuuuuut. Ich konnte es nicht glauben und rief die Mobilnummer meiner Frau an. Sie ging ran. Dass der Anschluss meiner Mutter immer noch aktiv war, enttäuschte und verwunderte mich. Es gab einfach keine Erklärung dafür.

Ich rief also zum zweiten Mal die Hotline an. 0800-3301000. Nach Beantwortung aller Deppenfragen und einer Wartezeit von etwa dreißig Minuten erhielt ich die Information, dass mein Auftrag leider nicht ausgeführt werden konnte, weil Telekom-intern überhaupt kein Vorgang vorläge. Irgendetwas war komplett schief gelaufen. Um den Anschluss zu kündigen, müsse ich leider erneut an das Kundencenter in Bonn schreiben, eine andere Möglichkeit gäbe es nicht. Ich wunderte mich sehr über die Schlampigkeit des Unternehmens, schrieb ziemlich widerwillig einen zweiten Brief und gab ihn noch am gleichen Tag in die Post.

 

Akt III – Verzweiflung und Wahn

Glücklicherweise war ich gerade allein zuhause und konnte laut brüllen, als ich kurz vor Weihnachten noch einmal zu Testzwecken die Nummer meiner Mutter wählte und feststellte, dass der Anschluss immer noch aktiv war. Fast hatte ich es erwartet. Da man in der Adventszeit ja auch sonst nicht viel zu tun hat, rief ich ein drittes Mal bei der Hotline an und wurde nach einer Wartezeit von exakt 42 Minuten durchgelassen. Ich musste mich zurückhalten, um nicht ausfällig gegenüber der Mitarbeiterin zu werden und bat sie um eine ausführliche, schriftliche Stellungnahme der Telekom. Doch die Mitarbeiterin hatte eine ganz andere Lösung.

Es war ihr spürbar peinlich, denn erst in diesem dritten Gespräch durfte ich von ihr erfahren, dass eine Kündigung durch mich als Sohn rechtlich gar nicht möglich sei, weil der Anschluss unter dem Namen meines Vaters geführt wurde, von dem meine Mutter seit vierzig Jahren geschieden war. Bingo. Alles, was ich bisher unternommen hatte, war umsonst gewesen.

In einem Akt der Verzweiflung nahm ich Kontakt zu meinem Vater auf. Seit der Scheidung meiner Eltern sehen wir uns kaum noch, aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Er ist inzwischen fast 80 Jahre alt und verstand nicht, warum er den Anschluss kündigen solle und was er überhaupt mit der Sache zu tun habe. Es sei nicht sein Anschluss. Es gelang mir aber irgendwie, meine absolute Notlage zu schildern und ihn zu überzeugen, dass es ohne ihn nicht ging. In seinem Namen schrieb ich nun noch einmal eine Kündigung als Briefvorlage, die mein Vater nur noch zu signieren hatte. Damit kündigte erstmalig er als Anschlussinhaber. Per Fax. Es war der 22. Dezember und wir dachten beide, wir hätten es geschafft. Aber meine Verzweiflung ging nahezu nahtlos über in Wahn.

Es war Silvester, als ich mit zitternden Händen erneut die Nummer meiner Mutter anrief. Und es machte: Tuuuuut – Tuuuuut – Tuuuuut. Frei. Es klingelte, und nach ein paar Mal Klingeln schaltete sich der Anrufbeantworter an. Ich sprach nicht mehr darauf, ich fluchte nur noch. Es handelte sich um einen perakuten, psychotischen Fluchzustand, von dem ich mich bis heute nicht komplett erholt habe. In der wissenschaftlichen Literatur wird dieses Krankheitsbild unter der Bezeichnung Telekom-Tourette geführt. Grausam.

Das Schlimmste aber war: Mein Vater, den ich sofort anrief, verweigerte kategorisch jegliche weitere Mitarbeit. Also musste ich dauerfluchend ein viertes Mal bei der Hotline anrufen. Nach einer Wartezeit von circa sechzig Minuten (wegen des Fluchens konnte ich die exakte Wartezeit dieses Mal leider nicht dokumentieren) erhielt ich die Auskunft, dass die Kündigung meines Vaters zwar akzeptiert worden sei, der Anschluss aber erst Ende Februar 2015 abgestellt werden würde. Ich rang nach Luft. Der Mitarbeiter, der meine Notlage erkannte, wollte sich allerdings um eine möglichst sofortige Abschaltung bemühen. Immerhin! Dazu war es allerdings notwendig – na, was wohl? – ein Schreiben inklusive Sterbeurkunde meiner Mutter einzureichen, was ich per Fax sofort erledigte. Als es durch war, klingelten die ersten Gäste des Abends.

 

Akt IV – Die Vorstandsbeschwerde

Dann war das neue Jahr da, ich hatte endlich Zeit und versuchte, meine Erfahrungen mit der Kündigung des unsterblichen Telefons zu verarbeiten. Ich wollte alles aufschreiben, gesunden und verreiste nach Nordrhein-Westfalen zu den Schwiegereltern, um Abstand von der ganzen Sache zu bekommen. Ich verstehe mich bestens mit meinen Schwiegereltern, das versteht vermutlich nicht jeder. Auf der Fahrt im Speisewagen des ICE schrieb ich die ganze Zeit. Ich richtete meine Beschwerde direkt an den Vorstand der Telekom. Es tat mir gut, meine Fluch-Symptomatik verschwand zunehmend. Die erste Vorstandsbeschwerde, die ich jemals schrieb, endete mit folgenden Worten:

Insgesamt habe ich nun zwischen zwei bis drei Stunden in der Telekom-Hotline verbracht, das Wartezeit-Minimum war dabei zwanzig Minuten, ich habe mehrfach völlig falsche Informationen erhalten und einen erheblichen finanziellen Schaden erlitten, da inzwischen für vier Monate Gebühren eingezogen werden, obwohl meine Mutter gar nicht mehr lebt. Ich habe Ihnen zweimal postalisch und einmal per Fax gekündigt, mein Vater einmal per Fax. Ob der Anschluss nun endlich stillgelegt wurde, steht in den Sternen. Mir ist es vollkommen unbegreiflich, wie ein international operierendes modernes Technologieunternehmen wie die Deutsche Telekom sich eine derart insuffiziente telefonische Hotline leisten kann. Ich bitte Sie daher um eine schriftliche Stellungnahme des Vorstandes sowie um eine Erstattung aller Telefongebühren, die seit dem Tod meiner Mutter aufgrund der mangelhaften Telekomberatung angefallen sind. Zusätzlich empfehle ich Ihnen dringend, die Wartezeiten in Ihrer Hotline zu reduzieren, dies ist für die Kunden momentan eine echte Zumutung.“

Das war zwar nicht gerade lyrisch getextet, aber immerhin diplomatisch, ohne meinen Zorn zu verhehlen. Für mich traf es den Kern. Um ein Haar hätte ich verpasst, in Essen auszusteigen. Ich erlebte einige schöne Tage in NRW, und das war auch gut so. Denn als ich zurückkam, traf es mich doppelt hart: Im Briefkasten lag ein Brief von meinem Vater! Dazu muss man wissen: Mein Vater hat mir im ganzen Leben so gut wie nie etwas geschrieben. Ich war maximal alarmiert.

 

Akt V – Das Finale

Ich öffnete den Brief noch draußen vor der Tür. Er hatte folgenden Inhalt: Zwei an meinen Vater gerichtete Schreiben der Telekom, beide vom selben Tag, Silvester, und eine handgeschriebene Notiz von ihm selbst oben drauf geklebt. Diese bestand nur aus vier Wörtern und einem Ausrufezeichen:

JETZT SPINNEN DIE TOTAL!

Was war passiert? Mit dem ersten Schreiben bestätigte die Telekom ihm die Kündigung, mit dem zweiten begrüßte sie ihn erneut als Kunden mit den Worten: „Sie haben uns mitgeteilt, dass Sie an Ihrer Kündigung nicht festhalten und den Vertrag mit uns weiter fortsetzen wollen. Wir freuen uns sehr, dass Sie bei uns bleiben.“

Weder mein Vater noch ich hatten gegenüber der Telekom jemals den Wunsch einer Reaktivierung geäußert. Wir wollten ja genau das Gegenteil. Bis heute wissen wir nicht, was die Telekom mit der Zusendung zweier sich völlig widersprechender Schreiben vom selben Tag bezweckte. War es eine Finte? War es ein erneuter Irrtum? Mein Vater hat noch einmal die Hotline angerufen und dann kapituliert. Sie wollten nämlich – na, was wohl? – wieder ein Schreiben und eine Kopie der Sterbeurkunde.

Wir haben nichts mehr gemacht. Gar nichts. In unserem ureigenen Interesse haben wir beide beschlossen, auf irgendwelche Aussagen der Telekom-Hotline nicht mehr zu reagieren. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Ich weiß, ich werde in meinem Leben die Telekom-Hotline nie mehr anrufen, das habe ich mir geschworen. Wir warten jetzt ab und werden sämtliche Rechnungen, die noch eintrudeln sollten, ausnahmslos dem Rechtsanwalt überreichen. Irgendwann muss Schluss sein.

 

Epilog

Meine Mutter hat ein schönes Grab bekommen, das ich immer besuche, wenn ich in München bin. Ich weine nur noch selten, aber so ganz akzeptieren, dass sie tot ist, kann ich immer noch nicht. Ihr Telefon, das vier Monate länger als sie selbst lebte, wurde irgendwann Mitte Januar 2015 endlich stillgelegt. Die Kündigung des Anschlusses hat mich enorm viel Kraft gekostet, mehr als alle anderen Formalitäten zusammen. Gelegentlich rufe ich noch an, um zu überprüfen, ob die Leitung nicht doch wieder reaktiviert wurde. Aber sie ist tot und hoffentlich bleibt es so; lebendig bleiben soll und wird allein die Erinnerung an meine Mutter.

Auf meine Beschwerde habe ich übrigens bis zum heutigen Tage keine Antwort vom Vorstand der Deutschen Telekom erhalten. Nicht ein Wort.

 

@UliWickert

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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