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Sie sieht mich an mit müden Augen. Mit Augen, die sagen: „Ich will nicht mehr!“ Da ist so viel Schmerz in ihrem Blick, so viel Angst, aber auch ein Funken Hoffnung: Wir können ihr den Schmerz nehmen, sie weiß es! Mit unerschütterlicher Gewissheit glaubt sie daran, dass wir ihr helfen werden, dass wir dafür sorgen werden, dass alles gut wird. Sie vertraut blind auf uns. Carla hat Krebs.

Ich kenne sie seit neun Jahren, wie jung sie damals war! Nicht viel ist von ihr geblieben … Sie hat schon einige Operationen hinter sich, aber geblieben ist nichts als Schmerz. Sie kann nicht für sich selbst sprechen, dass müssen andere tun: Sylvia. Sylvia ist diejenige, die über Carla entscheiden kann. Sylvia wehrt sich. Will es nicht wahrhaben, will die Entscheidung nicht aussprechen, die sie längst getroffen hat, will es einfach nicht wahrhaben.

Sie hat an Carlas Seite gekämpft und gestritten, OPs durchgehalten und Therapien. Hat Carlas Erbrochenes weggewischt und stundenlang neben ihr gesessen, an ihrer Seite geschlafen, war bei ihr. Hat ihren Schmerz geteilt.

Man könnte Carla das befallene Bein amputieren, aber was dann? Unnütze Quälerei, der Krebs hat sich schon zu weit verteilt, hat gestreut und ist in die Leber vorgedrungen. Transplantation? Die Chancen stehen schlecht. Außerdem wurden weitere Metastasen entdeckt: Dieses Märchen wird nicht gut ausgehen.

Carla weiß, was sie will, ihre Augen sagen es: „Helft mir!“ Ein Hilferuf, so klar und ersichtlich für jeden, der bereit ist, zuzuhören. Sylvia weiß es. Und sie trifft die richtige Entscheidung.

Noch einmal Zeit miteinander verbringen, sich richtig Zeit füreinander nehmen: dieser Tag gehört den Beiden! Aber auch ich darf mich verabschieden, auf meine Weise.

Dann kommt der Arzt:
Nicht als Henker, sondern als Heiler.

Er zieht die Spritze auf und mein T-Shirt ist nass vor Tränen. Ich halte Sylvias Hand und gemeinsam halten wir die von Carla. Und da ist noch eine dritte Hand und auch eine vierte, eine fünfte, eine sechste: Wir halten Carla fest!

Carla wird nicht allein sterben. Sie wird friedlich sterben. Ein kurzer Einstich bloß, dann langsames, friedliches Einschlafen. Sie wird ganz ruhig einschlafen, umgeben von Menschen, die sie lieben. Das Morphium wirkt längst und hat ihr einen Großteil des Schmerzes, hat ihr die Angst genommen.

Carla sieht mich an, in ihrem Blick Dankbarkeit: Sie weiß es! Der Arzt tut, was er tun soll, und alles wird ruhig. Dieser Moment gehört Sylvia und Carla.

Friedlich. Zeit wird langsam. Ich sehe Carlas letzten Blick: Dankbarkeit. Frieden. Loslassen. Frei …

Carla hatte Glück, sie war ein Hund. Meine Cousine hatte Pech, sie war ein Mensch. Und musste sterben, wie der Krebs es ihr befahl.

 

Molly Logan

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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