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Sie jammert leise. Der böse Fuß sticht. Ihre grünen Augen sind sehr groß, immer noch schön, schön und sehr traurig.

Hast du Hunger?“, fragt Vater. Mutter nickt zu dem Joghurtbecher hin, der auf dem Wagen steht. „Willst du den essen?“ Sie nickt. Ich sitze am Bettende und beobachte, wie sie sich etwas aufrichtet. Sie schnappt mühsam nach Luft. Papa zieht den Aluminiumdeckel vom Becher ab, steckt den Löffel in den Joghurt, zieht ihn wieder heraus und führt ihn behutsam zum Mund seiner Frau. Mir kommen die Tränen bei dieser Szene. Ich lasse sie still herunter laufen.

Nach dem Krankenhausbesuch bringt mich mein Vater zu meiner Wohnung. Ich schlage vor, noch irgendwohin zu gehen. Mein Vater hat beim Vorbeifahren diese kleine italienische Pasticceria entdeckt. Ich kenne sie und freue mich über seine Neugier. Ein seltsamer Anlass, ihm einen unbekannten Teil der Stadt zu zeigen. Wir wählen den Tisch links hinten in der Ecke des kleinen neobarocken Raumes. Bei Espresso und Mini-Windbeuteln erzählt er mir die Geschichte vom Tod seiner eigenen Mutter.

Bei jeder Nachricht von einem, der aus dem Krieg zurückkam, fragte sie: „Wo ist mein Kurt?“ Dann, nach der Todesnachricht fand mein Vater sie dreimal. Beim ersten Mal im Hof, mit grausam nach außen gedrehten Fußgelenken in den rotwollenen Hausschuhen. Sie war kurzerhand aus dem Küchenfenster gesprungen. Gemeinsam mit seinem Vater, der gerade das Zimmer des gefallenen Sohnes ausräumte, und Onkel Friedrich aus dem Parterre, trugen sie sie ins Wohnzimmer und legten sie auf die rotschwarze Couch, bis der Hausarzt kam. Die Fußgelenke wurden später operiert und mit Hilfe orthopädischer Schuhe konnte sie bald wieder laufen.

Sie machte sich Vorwürfe, warum sie den Kurt nicht versteckt hatte, vor den Nazis. Aber da wäre man ja sofort erschossen worden“, fügt mein Vater hinzu und lobt die frischen kleinen Windbeutel.

Beim zweiten Mal versuchte die Mutter, sich mit Hilfe des Sicherungskastens im Dachgeschoss aus dem Leben zu blitzen. Sie hatte den geblümten Vorhang davor weggezogen und stocherte mit einer Stricknadel in den Öffnungen herum, als mein Vater dazukam und sie anschrie, dass sie wie vom Donner gerührt war.

Beim dritten Mal kam mein Vater gerade aus dem alten Ortskern von seiner Tante nach Hause gelaufen, als die ganze Straße voller Polizei- und Krankenautos stand. „Hast du’s schon gehört?“, fragte ein Nachbar. Mein Vater rannte ins Haus. Das Blut der Mutter lief auf dem Küchenboden entlang. „Dein Vater ist schon mit ihr draußen“, sagte Onkel Friedrich. Mein Vater erwischte den Krankenwagen gerade noch. Gemeinsam mit seinem Vater begleitete er die Mutter, die notdürftig verbunden auf der Bahre lag, ins Stadtkrankenhaus, wo sie langsam aufhörte zu atmen.

Sie hatte sich mit einem Fleischermesser aus der Küche einen großen Schnitt an der Kehle beigebracht. Das habe ich eigentlich noch nie jemandem erzählt“, sagt mein Vater und wischt sich sorgsam den Mund ab.

 

Ingrid Walter

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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