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Was kann tröstlich sein am Tod? Geteiltes Leid ist halbes Leid – den Satz fand ich immer etwas sehr optimistisch, aber letzten Endes ist es doch tatsächlich so, dass mit anderen geteiltes Leid erheblich leichter zu tragen ist. Ich hatte das große Glück, das Sterben meiner Oma im Kreis der ganzen Familie mitzuerleben.
Oma war ihr ganzes Leben lang zutiefst katholisch gewesen. Mit einer Mischung aus Pragmatismus, Optimismus und (manchmal nicht zu ertragender) Gottergebenheit nahm sie alles an, was ihr begegnete. Ihre tief eingeprägte Haltung war: Gott walt’s. Jo. Gott wird es richten. Ja.
Vor jeder Reise, jeder Prüfung, die irgendwer ablegen mußte, jeder Ungewißheit war das ihr Stoßseufzer. Gott walt’s. Jo.
Für jedes ihrer Kinder, Enkel und Urenkel, alle dazugehörigen Schwiegerkinder und Freunde war sie der Mittelpunkt der Familie, ein beruhigender Hort.

Auch jetzt, am Ende ihres Lebens ist sie der Mittelpunkt. Alle ihre Kinder sind da, fast alle Schwiegerkinder und Enkel konnten kommen. So muß niemand diese Last alleine tragen. In den letzten Tagen ihres Lebens ist sie keine Sekunde alleine. Sie wird schon nicht mehr richtig wach, liegt in einem unruhigen Schlaf. Immer sitzt jemand an ihrem Bett und hält ihre Hände. Einer links, der andere auf der rechten Seite – dort, wo im großen Ehebett vor vielen Jahren der Bappe schlief. Eine ganze Zeit darf ich diesen Platz einnehmen und halte ihre rauhe, runzlige, schöne Hand. Eine überwältigende Zahl von Menschen wechselt sich ab am Bett, nach und nach tauchen immer mehr auf. Nehmen Abschied, so wie sie es können. Sitzen eine Zeitlang alleine am Bett, zu zweit oder zu dritt, streicheln sie oder betrachten sie nur. Schweigen. Sprechen leise.
Seltsam, wieviel Schönheit in einem verrunzelten Antlitz liegt. Ohne Brille, ohne den Zahnersatz mit eingefallenen Wangen und Mundwinkeln. Seltsam fremd und bis in die kleinste Falte vertraut.
Immer wieder zuckt sie unruhig hoch und murmelt atemlos wirre Worte, mit rauer Stimme, fast nicht mehr zu verstehen. Kend, Erbel ausdohn. Die Stecker noch schmeere. Sinn alle Kinner em Bett? Resi, hos dou dot Dorti end Bett gebrocht? Kind, Kartoffeln ernten. Brote schmieren. Sind alle Kinder im Bett? Resi, hast du die Kleinste ins Bett gebracht?
Ich lausche, bis ich verstehe, was sie immer wieder murmelt und die ständige Wiederholung wird wie ein Mantra in meinem Kopf.

Alle Erbel sin ausgemacht, die Sahne ess geschloon, gieh nur, dou kanns giehn.
Alle Stecker sin geschmeert, die Kinner all em Bett,
Alle Stremp hos de gestreckt, alle Kuche gebacke.
All die Orwet ess gedohn.
Schloof, Mamme, schloof.
De Bappe wärt of dich, un guck, all die annere och, die schun fiergange sin.
Leh dich schloofe, Mamme, leh dich hen un schloof en Ruh en.
Mir sin all hei bei der, dou kanns giehn.
All dei Kinner sin gekumme un mir haale dir die Hänn.
Schloof, Mamme, schloof.

Alle Kartoffeln sind geerntet, die Sahne geschlagen, geh nur, du kannst gehen.
Alle Brote sind geschmiert, die Kinder alle im Bett,
Alle Strümpfe hast du gestrickt, alle Kuchen gebacken.
Alle Arbeit ist getan.
Schlaf, Mama, schlaf.
Der Papa wartet auf dich, und schau, all die anderen auch, die schon vorgegangen sind.
Wir sind alle hier bei dir, du kannst gehen.
Alle deine Kinder sind gekommen und wir halten dir die Hände.
Schlaf, Mama, schlaf.

Am Abend des dritten Tages werden ihre Atemzüge flacher. Die Gesichtsfarbe verändert sich, sie wird ruhiger. Als sie das letzte Mal ausatmet, tut sie das im Kreis ihrer großen Familie.

Schrecklich. Kaum auszuhalten. Und nicht tröstlicher vorstellbar.

Oma Maria (Mamme) 3.10.1921 – 8.8.2012.
Sie hatte neun Kinder, zweiundzwanzig Enkelkinder, neun Urenkel.

Gott walt’s. Jo.

 

––– Doro Michel

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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