252

Man weiß vorher nicht, wie sich der Tod anfühlt und auch, wenn er schon einmal vorbeikam, heißt das nicht, dass er beim nächsten Mal den gleichen Text aufsagen wird. Der Tod ist kein Mann und auch keine Frau. Der Tod hinterlässt kein Gefühl, was sich mit Schmerzen vergleichen lässt, obwohl gern von Trauerschmerz gesprochen wird. Aber das ist gerade das Schlimme, es tut nichts weh. Jedenfalls nicht sofort. Im Gegenteil, alles ist ganz leicht und es fühlt sich an, als würde man schweben. Als würde man diesen Menschen und seinen Tod ein Stück begleiten. In die Ferne jenes Landes, das wir nie kennenlernen werden. Das es vielleicht gar nicht gibt. Manch ein Tod braucht länger als andere und manche Menschen hauen auch nicht sofort ab mit ihrem Tod. Sie bleiben Wochen, Monate, Jahre oder für immer mit dir zusammen. Teilen sich ganz ungefragt deine Wohnung mit dir und vor allen Dingen deinen Kopf. Auch wenn du das gar nicht willst, weil du grad gar nicht schweben kannst, viel zu erschöpft von all dem Sterben.

 

Nicole Matzke

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.