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die ganze nacht

sind wir gefahren; jetzt war es morgen. ein julimorgen, anno1995. es wurde hell. ich würde bald das autolicht ausschalten. wir würden noch zwei, drei stunden bis zur dänischen grenze fahren, würden noch hamburg umschiffen. plötzlich, aus dem morgendunst auftauchend, vor mir querstehend, ein roter pkw, kleinwagen, älteres model. die türen hingen zur seite. die motorhaube war aufgesprungen. ich bremste so heftig, wie ich konnte, um nicht aufzufahren.

was war das. ich selbst wohl im sekundenschlaf, die zwei kinder auf den rücksitzen im tiefschlaf. jetzt alle hellwach. panik! was tun. erste hilfe, wie ging das? erst mal nachsehen, näher ran gehen. zehn schritte bis zur qualmenden motorhaube. auf die idee, dass da was explodieren könnte, kam ich nicht. der linke arm des jugendlichen fahrers im kapuzenpulli hing seitlich neben der abgeschlagenen tür, scheinbar leblos. sein kopf lag irgendwie verdreht auf dem armaturenbrett. in einer haltung, die kein lebender hinbekäme. so sieht also der tod aus, dachte ich.

my first time!

der beifahrer, er hatte flaumiges barthaar, lag in ähnlicher pose. sein kopf lehnte an der windschutzscheibe. seine augen sahen ins nichts. er hatte eine bierflasche in der hand. im innenraum des wagens kullerten weitere flaschen durcheinander. jetzt kamen die kinder angelaufen. erschrocken schickte ich sie zurück. diesen anblick wollte ich ihnen ersparen. das ganze dauerte keine 30 sekunden. und es sah aus wie eine filmszene aus einem roadmovie, nur ohne ‚klappe, die erste’.

dreißig sekunden, die der tod voraus war. ich suchte mein handy und wollte den notruf wählen. 110? 112?

da tönte schon das martinshorn. nacheinander kamen polizei und krankenwagen. der krankenwagen kehrte gleich wieder um. stunden später, die sonne brannte heftiger, nahm ein schwarzes auto zwei särge auf. die vollsperrung wurde aufgehoben. ich schaltete das autolicht aus und bat meine frau, weiter zu fahren.

 

frank wallnuss

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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