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Finn Hudson ist tot.
Finn Hudson ist tot und ich sitze vor dem Computer und kann es nicht fassen.
In meinem Facebookfeed: RIP. OMG. LOL.
Finn Hudson, das ist der singende Quarterback, den der Serienschauspieler Cory Monteith in der amerikanischen Teenie-Musicalserie Glee gespielt hat.
Eigentlich ist nicht Finn Hudson tot. Sondern Cory Monteith.
Ich bin weder Teenie noch spezieller Musicalfan. Diese Serie hat nichts mit meinem Leben zu tun. Nichts mit meiner eigenen Schullaufbahn. Ich gehöre noch nicht mal zum Zielpublikum. Besonders intellektuell ist die Serie auch nicht. Trotzdem übt sie einen gewissen Reiz auf mich aus. Glee ist ein sogenanntes „guilty pleasure“.

Ich mag Geschichten. Seltsame, sentimentale, realitätsferne, poppige Geschichten. Ab und zu blitzt bei dieser Serie unter all der Pädagogik und Soapigkeit etwas hervor, das einen aufhorchen lässt und worin sich vielleicht ein etwas anderes Amerika abzeichnet als das, welches wir gerne verspotten. Die Nachricht vom Tode Cory Monteiths hat mich getroffen und ich weiß nicht warum. Dazu muss gesagt werden: Ich bin jemand, der damals, als es vorbei war, einfach sein Backstreet-Boys-Poster abgehängt und mit den Schultern gezuckt hat.
Woher kommt nun plötzlich diese absolut unverhältnismäßige Trauer über den Tod eines Seriendarstellers?
Das Prinzip von Glee ist einfach: das Abbild einer amerikanischen High School als Ökosystem. Ganz oben die Sportler, die Coolen und ganz unten die Loser, alle anderen irgendwo in der Mitte. „Loser“ fasst hierbei fast alles zusammen, was irgendwie anders ist. Diese Anderen finden teilweise freiwillig, teilweise unfreiwillig ein Auffangbecken im Musicalchor, amerikanisch: „Glee Club“. Dann aber wird das Ökosystem einmal durchgeschüttelt, als der Star-Quarterback für eben diesen Loserclub rekrutiert wird. Finn Hudson. Cory Monteith.
Wann ist man ein Loser? Wann ist man anders? Ist das schlimm? Finn sagt: Es ist okay. Allerdings braucht er für diese Einsicht eine ganze Staffel. Oder auch mehre.
Es geht – sehr neu-amerikanisch – um Toleranz, um Außenseiter, Freundschaft, Liebe und Madonna. Meistens wird pro Folge eine wichtige Lektion gelernt, ersungen mit vielen Musical- und Tanzeinlagen. Der Cast ist ein Abbild der political correctness: jede Kleidergröße, jede ethnische Gruppe, verschiedene Handicaps, vom Rollstuhl über OCD bis Down-Syndrom sind vertreten. Homosexuelle, transsexuelle und heterosexuelle Beziehungen werden abgebildet. Die ganze Serie zeigt in ihrer Überspitztheit eine zeitgemäße Abwandlung des amerikanischen Traums: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst. Auch wenn du seltsam oder anders bist. Vielleicht vor allem dann. Wenn die Serie nicht damit beschäftigt ist, einem etwas mit dem Holzhammer beizubringen, werden in eher leisen Momenten große Themen verhandelt.
Finn Hudson. Cory Monteith. Ein kanadischer Schauspieler, der in Glee seine erste Hitrolle hatte. Cory Monteith wurde am 13. Juli 2013 in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Er wurde 31 Jahre alt. Zu seinem Tod führte eine Mischung aus Alkohol und Heroin.
Es ist ein altes Lied: Im Gegensatz zum sauberen Finn Hudson hatte Cory, wenn man „den Medien“ glauben darf, bereits im Alter von zwölf Jahren Probleme mit Suchtmitteln. Finn ist in der Serie der Motor, der die Gruppe zusammenhält, ein Anführer, auch wenn er das am Anfang nicht sein möchte. Cory hingegen scheint außerhalb der Serie eher auf Hilfe angewiesen gewesen zu sein. Als Glee 2009 anfing, war er der Älteste im Cast. Mit damals 27 spielte er einen 17-Jährigen. Seine Serienkollegen nannten in „weise“.
Es ist kein altes Lied: In der Darstellung von Cory Monteith blitzt immer wieder eine vom Klischee abweichende reale Person auf, mit der man gerne auch mal ein Bier trinken gehen würde.
Seitdem Finn tot ist, habe ich die Serie nicht mehr gesehen. Zu sehr verwischt die Grenze zwischen echter Trauer seiner Kollegen, vor allen Dingen die Trauer der Schauspielerin Lea Michele, die in Glee seine Freundin gespielt hat und die auch im wahren Leben seine Partnerin war. Erst für die Recherche zu diesem Text habe ich die Sterbe-Folge gesehen. Ich war erleichtert, als sie endlich gesungen haben und man die Studiostimmen über die Performances gelegt hat, Stimmen, die nicht in Rotz und Tränen untergehen, wie es offenkundig die Menschen auf dem Bildschirm gleichzeitig tun. Eine kurze Pause, in der man nicht mit allen Spiegelneuronen mitfühlen muss, wie Menschen ihre echte Trauer vor der Kamera zeigen. – Meine Brille war nach der Sterbe-Folge so voller Salz, dass ich sie waschen gehen musste.

Tod ist egoistisch, insbesondere der Tod von jemandem, den man nicht gut kennt und auf den man alles projizieren kann. Wenn man nicht so nah dran war, dass alles einfach nur weh tut. Dann stellt sich unweigerlich das dumpfe Gefühl ein, furchtbar egoistisch zu sein, weil man sich insgeheim vorstellt, wie es für einen selbst wäre, seinen Partner, seine Eltern, sein Kind zu verlieren. Und schon allein der Gedanke ist so schrecklich, dass man kaum an sich halten kann. Auch wenn man nicht wirklich jemanden verloren hat. Auch wenn man noch alle anrufen und umarmen kann, Dinge, die der Andere nie wieder tun können wird. Man fasst viele Vorsätze: im Jetzt zu leben, sich immer zu sagen, wie gern man sich hat, bevor man ins Auto steigt – all diese Glückskeksweisheiten. Wenn man realisiert, dass man rein hypothetisch leidet, dann fühlt man sich räudig, sogar widerlich. Als würde man den Tod einer fremden Person als persönliche Katharsis missbrauchen.
Cory Monteiths letzte Worte gegenüber seiner Freundin Lea waren angeblich „You’re mine, if you say so.“ Sie trägt diese Worte jetzt als Tattoo auf ihrem Körper, zeigt sie in einem strategisch ausgeschnittenen Kleid unter ihrer Brust auf dem roten Teppich. Auf ihrem Album ist sowohl ein Song der „You’re Mine“, als auch einer, der „If You Say So“ heißt. Trotzdem glaubt man ihr ihre Trauer. Junge Leute tun seltsame Dinge. Junge berühmte Leute sind da keine Ausnahme.

Tod ist die nachträgliche Konstruktion, die winzigen alltäglichen Dingen Gewicht verleiht. Der Tag, an dem man stirbt, ist gespickt mit Begebenheiten und Worten, die größer und wichtiger werden, weil man alles zum letzten Mal tut.
Ist die verstorbene Person berühmt, bluten öffentliche und Privatperson ineinander. Ein Mensch dessen Stimme, Lachen, Bewegung und Körper man kennt, ist verschwunden. Das ist nicht anders, als bei jemanden, den man kennt. In einer Studie hat man herausgefunden, dass Menschen die viele Serien gucken, ihren Freundeskreis als größer empfinden, als er eigentlich ist. Trotzdem hat man nie ein Gespräch geführt, sondern immer nur fiktiven Gesprächen zugehört, die diese fiktive Person mit anderen fiktiven Personen geführt hat.
Entsprechend hat man bei toten Stars nie den vergesslichen Moment, in dem man darüber nachdenkt, eine verstorbene Person anzurufen, ihr etwas zu erzählen und sich dann erschrocken und schmerzlich erinnert. Nie den Moment, in dem man im Telefonbuch seines Handys an einem Eintrag vorbeiscrollt, dessen Inhaber nicht mehr existiert.
Auch wenn die Trauer also nicht kongruent mit der beim Verlust konkreter Menschen ist, investiert das Gehirn doch mintunter ungefragt reichlich Emotionen in die Trauer um fiktionale Charaktere. Nur so ist es zu erklären, warum ich beim Ansehen eines YouTube-Videos, in dem Jay Leno mit der Schauspielerin Jane Lynch über deren verstorbenen Kollegen spricht, Tränen in den Augen habe. Als ob ich sie wäre.
Warum mich ausgerechnet der Tod eines amerikanischen Seriendarstellers mitnimmt und stundenlang Klatschoutletseiten im Internet wälzen lässt, ist mir unklar. Ich bin aus der Zeit der Überidentifikation der Teenagertage raus. Der Tod hat als reale Größe angefangen, kleinere Kreise zu ziehen und immer näher zum Schmerzzentrum vorzustoßen. Waren es am Anfang Schulkameraden, die ich nicht wirklich kannte oder Bekannte meiner Eltern, wurden es irgendwann Großeltern, Freunde und das Kind einer Freundin, dessen Hand ich nur einmal gehalten habe, weil es nie das Krankenhaus verließ. Immer näher und immer tiefer trifft der Tod, je älter man wird.

Tod ist kein vernünftiger Dialogpartner, er schlägt zu, wo es ihm beliebt. Nicht einmal die biologische Folge, wonach Eltern vor ihren Kindern sterben,wird konsequent eingehalten. Allerdings werden Tode, die aus der vermeintlichen natürlichen Ordnung fallen, also wenn Menschen zu früh oder zu gewaltsam sterben, anders gespürt. Hat es damit zu tun? Ist die Narration des sich erst fangenden drogenabhängigen Jugendlichen, der zum Schluss doch noch „seinen Dämonen erliegt“, wie man das klischeehaft nennt, Grund für meine Betroffenheit? Kann ich hier emotional Starbiografie und Serienrolle, virtuelle und physische Realität nicht trennen?

Tod ist Narration. Konfrontiert mit dem Fakt, dass man zu spät ist, um seine Beziehung mit der anderen Person zu ändern, muss eine erträgliche oder schlüssige Form gefunden werden, wie man zu ihr steht. Diese ist unumstößlich und dennoch künstlich, da sich niemand mehr zu Wort melden kann, um sie zu korrigieren. Menschen, die man vorher noch nie gesehen hat, von denen man nicht wusste, dass sie eine Rolle im Leben der Toten gespielt haben, stehen weinend am Grab. Geheimnisse, Gerüchte, Geschichten und Fakten vermischen sich in den Erinnerungen der Trauernden. Neurologen wissen: Erinnerungen sind keine feststehenden Daten, die das Gehirn abrufen kann, sondern immer wieder stattfindende Nachkonstruktionen von geschehenen Erlebnissen. Je öfter man eine Erinnerung heraufbeschwört, umso verfälschter ist diese im Grunde. Zeugenaussagen sind wenig verlässlich, solange man sich nicht bestimmter Strategien bedient, um Details oder Vergessenes abzufragen. Selbst dann sind rote Autos in der Erinnerung oft silbern, blau oder schwarz.
Ich habe im Studium populäre Kultur wissenschaftlich seziert; ich verstehe ihre Strukturen und Mechanismen. Trotzdem kann ich nicht aufhören, scheinbar nutzlose Informationen über einen toten Serienstar anzuhäufen, Informationen, die wahrscheinlich die letzten Französischvokabeln aus meinem Gedächtnis verdrängen werden:

Cory hat an einem drehfreien Wochenende einen sterbenden Fan in Indien besucht, den Flug von seinem eigenen Geld bezahlt.
Corys Auditiontape zeigt ihn, wie er auf Tupperware mit Stiften Schlagzeug spielt.
Cory wollte noch viele Orte in Osteuropa bereisen.
Cory ist in seiner drehfreien Zeit einfach zum nächstgelegenen Flughafen gefahren und in den Flieger gestiegen, dessen Ziel ihm am besten gefiel.
Cory und Lea hatten zusammenpassende Tattoos.
Cory hatte ein großes Herz.
Cory hat jeden Tag gelebt, als wäre es sein letzter.
Cory war ein „raw talent“.
Cory war erstaunt, als man ihm sagte, dass Schauspieler bezahlt werden.
Cory war Schlagzeuger in einer obskuren Teenieband.
Cory konnte vor Glee nicht singen.
Cory hätte Highschool und Familie gern wie in Glee erlebt.
Corys Bruder heißt Shaun.
Cory, der Drogensüchtige und Schulabbrecher, hatte Angst, ein schlechtes Vorbild zu sein.

Tod verzerrt. Jemand, den man nur ein bisschen gekannt hat, wird auf einmal sehr wichtig. Das Bedürfnis, über diese Toten zu reden, scheint nicht proportional zu der Beziehung zu sein, die man gehabt hat.
Sind die ganzen emotionalen Solosongs schuld, die mich womöglich konditioniert haben?
Kann man als Schauspieler tatsächlich seine „wahre Persönlichkeit“ nicht verstecken im Spiel?
Schimmert immer die wahre Persönlichkeit durch?
Mochte ich Finn Hudson einfach?
Mochte ich Cory Monteith?
Ich mochte Finn/Corys Naivität, ich mochte seine Loyalität, seine ständige Selbstreflexion und Verortung, wer er ist, was richtig und was wichtig ist. Das mag ich auch an physisch realen Personen. Aber ist es das? Warum blende ich etwa Cory Monteiths mitunter schlechtes Schauspiel aus?

Tod vergisst. Man vergisst, was man peinlich an jemandem fand. Man vergisst Eigenarten, die einen zur Weißglut treiben konnten: Fingerknacken, seltsame Humoraussetzer.
Geschichten funktionieren über die Identifikation mit Figuren. Man erkennt sich darin im besten Falle selber wieder, erkennt die Menschen um einen herum. Vielleicht ist es die Probe eines Todes, die man durchlebt, wenn eine berühmte Persönlichkeit stirbt. Eigentlich ist man in Sicherheit. Eigentlich tut es nicht weh. Es ist die Ahnung, was passieren würde, sollte ein echter, ein realer Freund sterben. Aber schon diese kleine Portion Trauer, diese Impfung, die man denkt, erhalten zu haben, ist schlimm genug. Schlimm genug, um stundenlang einen Lebenslauf nachzukonstruieren, nur um zu verstehen, was mit einer Person passiert ist, die man, streng genommen, gar nicht gekannt hat.

Der Tod ist absurd. Auch Cory Monteiths Tod ist absurd. So haben Fans Geld gesammelt, um einen Stern nach ihm zu benennen. Auf einer Website, die „Buying a star FAQ“ heißt, wird gefragt, ob Astronomen Namen, die über solche Firmen gekauft werden, wirklich benutzen.
Die Antwort ist: „Never“.

 

Julia Heuser

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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