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Sie hat das Messer genommen. Hat unser Zeichen eingeritzt in die Linde, ein langer Schnitt, bis ins Mark.

Sie war meine Königin. Mit ihren Geschichten, abends im Bett, mit ihrer warmen Stimme, wenn ich mich im Finstern an sie schmiegte. Die Seele redete sie sich aus dem Leib, dem schönen, der schon Brüste hatte, der schon Bescheid wusste.

Am Tage spielte sie Klavier. Sprang kopfüber in die Musik. Hielt Konzerte ab. Die Erwachsenen klatschten. Sahen nicht, dass sie verschwand. Ihre Haut durchsichtiger wurde. Ihre Sehnsucht nach dem Grund der Töne wuchs.

Bald spielte sie auf dem Flügel. Warum heißt das Flügel, fragte ich. Weil ich eines Tages damit fortfliegen werde, gab sie zur Antwort.

Ihre Haut wurde aschfarben. Ihre Worte eigenartig. Die Erwachsenen sahen sie seltsam an. Sie hat zu viel Phantasie, sagten sie, sie sollte mal etwas anderes machen als Musik.

Nachts nahm sie mich in den Arm, legte ihre guten, musikalischen Finger um meine Schultern, ich hörte ihre Stimme und wusste, wir würden untrennbar sein. Unser Zeichen in der Linde war Jahr um Jahr gewachsen.

Irgendwann reichten ihr Klavier und Flügel nicht mehr. Sie ließ sich den Schlüssel vom Küster geben und eilte in die Kirche. Ich sollte mit. Sie bestand darauf. Sie ging nach oben. Ich saß unten, allein, im Licht gotischer Fenster. Und ihr Sturm, ihr Jubelgesang, ihre Verzweiflungsschreie brausten über mich hinweg, trugen mich fort, rissen mich aus allem. Geheiligt werde dein Name, mein Name, ihr Name, der Name der großen Künstlerin, die nur für mich spielte und mich etwas lehrte, höher als alle Musik. Sie spielte wie eine Besessene, peitschte ihr Staccato durch das Gewölbe, die Empore hinauf und hinunter, jagte ein Dröhnen durch Himmel und Hölle, brachte die farbigen Fenster zum Zittern, brauste mit den Orgelpfeifen durch Milchstraßen, zerlegte Kruzifix, Altar, Taufstein und mich in Stücke und lehrte mich das Fürchten. Sand rieselte aus Mauern. Das Kirchenschiff wankte.

Meine Angst vor ihr wuchs, als sie begann aufzugeben. Als sie ihre Kraft in Ketten legen ließ, ihr Anderssein gegen Tabletten eintauschte und verzweifelt versuchte, normal zu sein. Bleib da!, schrie ich. Bleib da! Holte sie aus dem Krankenhaus, schleifte sie zur Linde, schaute in ihre wässrigen Augen und weinte. Wo bist du, flehte ich und zeigte ihr die Narbe im Stamm. Weißt du noch? Unser Zeichen! Ein Gewitter kam auf, der Himmel fetzte in Schwefelgelb und Schwarz. Sie sah mich nicht.

Wo ist deine Musik? fragte ich.

Es ist dunkel, sagte sie.

Eines Morgens war sie davongeflogen. Meine Königin. Ich ging nachsehen, ob der Flügel fort wäre. Doch er stand im Konzertsaal, als wäre nichts. Ich schlug eine Taste an. Der Ton hing in der Luft wie ein Irrtum.

Ich nehme das Messer und schneide mich ab von ihr. Nun muss sie allein schlafen. Ihre Haut an Wolken schmiegen, an Engel, an Orgeltöne, die gewiss immer in den Himmel fliegen.

Ich gehe zur Linde. Die Narbe ist deutlich zu sehen.

 

Doris Bewernitz

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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