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Und wenn du am Dachfenster stehst, ist es eigentlich schon zu spät. Ja, wenn du dich entschieden hast, hier hinauf zu steigen, dann gibt es doch keinen Grund mehr, für den Weg hinab die Treppe zu nehmen.

Und doch, das Fenster ist offen, aber du stehst noch hier, springst nicht, weinst nur und hoffst tief in dir, sie würden dich hören.

„Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen sich umbringen“, hat der Therapeut zu dir gesagt, „aber ich habe etwas dagegen, wenn sie es in solch einer Krise tun.“ Der Krise bewusst am offenen Fenster stehend, kommt dir jetzt diese Erinnerung, doch deine Angst ist größer als Rationalismus. Du spürst die kalte Januarluft durch deine Kleider dringen, dein Körper bleibt starr, reglos nur in deinem Kopf überschlägt sich die Welt.

Ohne mich wäre die Welt ein besserer Ort, eine Heulsuse weniger, eine Last die von aller Schultern aus dem Fenster fällt.

Und es kommen wieder die Tränen, die Lähmung, die unüberwindbare Schwere. Der Wunsch nach Stille im Kopf, ein Ende der Zweifel, furchtbare Selbstzweifel, Ängste und Hoffnungslosigkeit und endlich tust du den Schritt aufs Fenster zu, legst deine Hände an den Rahmen und ziehst dich beinahe hoch aufs Fensterbrett, siehst schon das Grün des Rasens und diesen Fleck, der da nicht hingehört. Der Fleck ist ein Mensch, er sieht zu dir hoch, sagt nichts, schaut nur und rettet dich.

Du fällst.

Du fällst nach hinten in die kleine Mansarde zurück, landest auf dem Teppich, Arme und Beine in der Luft wie ein Käfer und schreist. Vor Erleichterung? Vielleicht. Aus Angst? Ganz bestimmt.

Die Schritte auf der Treppe, so ruhig, die warme Hand auf deiner Wange, so tröstlich. Die Worte hörst du nicht, fühlst nur den beruhigenden Bass der Stimme und kannst endlich wieder Luft in deine Lungen lassen.

 

Sophie Sumburane

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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