242

Ein eingeschweißter, grünlich schimmernder Ringfinger meines Vaters, den ich versehentlich auf dem Wohnzimmertisch hatte liegen lassen, den Finger, nicht meinen Vater, war, als unser Besuch eingetroffen war, abgelegt und mit dem Begrüßungssekt, nur Norbert, der fahren musste, trank Wasser, angestoßen hatte, natürlich, kaum hatte Margit ihn, den Finger, entdeckt, was ist das denn, sagte sie, schrie es beinahe, wobei ihre Stimme einen schrillen Unterton annahm, das beherrschende Gesprächsthema, das ich anfangs, indem ich den Finger in die Tasche meiner Weste steckte, indem ich behauptete, das sei gar nichts, nichts, was der Rede wert wäre, abzublocken versucht hatte, dann aber, als ich merkte, wie interessiert alle an dem Finger waren, gerne aufnahm und ausführte, dass besagter Finger eines der ersten Körperteile gewesen sei, das meinem Vater, der seit Jahren an einer den Organismus allmählich zersetzenden Diabetes gelitten hatte, abgenommen worden war, nicht das erste, denn das erste sei der kleine Zeh seines rechten Fußes gewesen, sagte ich und bat die Gäste mit einem Wink, so es sie denn wirklich interessiere, mir in mein Arbeitszimmer zu folgen, wo auf einem kleinen Bord über meinem Schreibtisch eben jener Zeh in einem Gläschen mit Formaldehyd schwimme und schwebe und, schwarz angelaufen, wie er sei, bei der entsprechenden Beleuchtung einen bemerkenswerten Anblick biete, was alle, die mir gefolgt waren, alle außer Norbert, der fahren musste, mir bestätigten, und einmal sich eingelassen auf die Materie, kamen auch schon die Fragen, die sich natürlich jeder stellen muss, die, um der guten Laune keinen Abbruch zu tun, feixend gestellt wurden, ob es denn rechtens sei, was ich hier präsentiere, und vor allem: wie es vonstatten gegangen sei, dass dergleichen in meinen Besitz hatte kommen können, worauf ich einräumte, dass nicht jeder und nicht ohne weiteres mit Teilen seines Vaters ein Arbeitszimmer dekorieren könne, alles, was amputiert werde, müsse für gewöhnlich, gesammelt in sogenannten Zytostathika-Tonnen der Verbrennung und mithin der Vernichtung zugeführt werden, doch weil diese Art der Entsorgung das notorisch klamme Budget der Kliniken belaste, sei es, wenn man wisse, an wen man sich und wie zu wenden habe, durchaus möglich, von der einen oder anderen Ausnahme dieser Regel zu profitieren, um gleich darauf das Schränkchen zu öffnen, wo ich, oh, hörte ich es von einigen meiner weiblichen Gäste, den Fuß meines Vaters, jenen, an dem, sehen Sie, sagte ich, der kleine Zeh fehle, aufbewahrte, was zu einem regelrechten Gedränge vor eben jenem Schränkchen führte, wollte doch jeder, obwohl keiner meiner Gäste meinen Vater gekannt hatte, jetzt den Fuß meines Vaters sehen, so dass ich, aber bitte, einer nach dem anderen, die Hände zur Abwehr hob und, angestachelt von der Resonanz, die meine kleine Schau hervorrief, den einen und anderen am Arm, an der Schulter nahm, ihn weiterdrängte, weiterschob hinüber zu der Anrichte, wo ich, ich klatschte sogar kurz, aber effektvoll in die Hände, ein seidenes Tuch, ein Tuch, wie man es nachts über den Käfig eines Vögelchens wirft, mit einem Ruck wegzog, einen Glassturz enthüllte, um laut Der Kopf meines Vaters zu rufen.

 

Peter Zemla

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.