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Ich habe dem Tod schon oft in die Augen gesehen. Diese kleinen verkniffenen Augen. Wo ich ihm auch begegnete, wie am Sterbebett meiner Mutter, fuhr ich ihn an: „Du machst mir nichts vor!“

Meine Mutter sah mich ganz entsetzt an.

„Ich meine nicht dich, sondern ihn“, sagte ich zu ihr.

„Wen?“

„Nichts. Später.“

Wenige Sekunden später starb sie.

Ich konnte ihn lachen hören. Er trug sie ins Jenseits davon, der alte Bock. Wer weiß, was er mit der alten Frau anstellte. Sie war immer eine anständige Frau gewesen.

Das war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass ich dem Tod begegnete.

Eine Zeit lang lebte ich in einem Haus neben einem Altenheim. Der Tod kam quasi minütlich. Das Altenheim war wie ein Restaurant für ihn, eine Burgerbar, ein Drive-in.

„Du krankes, widerliches Schwein!“, brüllte ich aus dem Fenster.

Der Typ vom Leichenschauhaus sah mich ganz entsetzt an. Am nächsten Tag brachte er seinen Bruder mit. Sie blickten ängstlich zu mir hoch. Vermutlich standen sie auf mich. Ich war aber auch ein nett anzusehender Bursche damals.

Der Tod ist überall. Du musst nur die Zeitungen aufschlagen und der Hauch des Todes weht dir entgegen. Gestorben wird weltweit. Der Sieg der verfluchten Roten und ihrer Forderung nach Gleichheit. Wir hätten den Kommunismus bereits an der Wurzel ausreißen müssen, dann wäre uns der Tod erspart geblieben. Im Kapitalismus sterben nämlich nur die, die sich das Leben nicht leisten können. Ich will damit nichts gegen Mutter gesagt haben.

Der Tod ist eine universale Sprache, die von allen Körpern verstanden wird.

Als mein Vater starb, beruhigte ich ihn mit genau diesem Satz.

„Der Tod ist eine universale Sprache, die von allen Körpern verstanden wird.“

Mein Vater riss die Augen auf und hob den Kopf.

„Ich verstehe nicht“, sagte er.

„Du solltest dir jetzt nicht den Kopf zerbrechen.“

Ich zündete uns eine Zigarette an.

„Der Tod ist eine Sprache?“

Mein Vater schüttelte den Kopf, dann verdrehte er die Augen und starb. Ich vermute, es war ihm ein Trost, dass ich ihm diese Worte mit auf den Weg gegeben hatte.

Einer meiner besten Kriminalromane Gestorben wird nach dem Sex, Honigkuchen handelt von einem Mörder, der Eros und Thanatos in einer Person vereint.

Es geht darum, dass wir den Tod so sehr lieben, dass er seine Macht über uns verliert. Wir müssen ihn mit Liebe und Leben anfüllen, bis er sich verwandelt und nicht mehr wirken kann.

Schöne Theorie, die aber leider nicht funktioniert.

Am Ende sterben wir alle, und das sollte uns kein Trost sein, denn das ist der Sieg der Masse über das Individuum.

Ich für meine Person, habe mich dazu entschlossen, erst zu sterben, wenn es Sinn ergibt. Wenn ich z. B. schlimm krank bin, ergibt es Sinn, zu sterben. Wenn mich eine Kugel trifft. Wenn ich einen Orgasmus habe und dadurch einen Herzanfall erleide, ergibt das keinen Sinn. Verstanden?

In diesem Sinne, Ihr Raimund Wendler

 

Guido Rohm

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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