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In einer absurden Welt erweisen sich viele Fragen als falsche „Figurationen der Hoffnung“ (Albert Camus). Dann versperrt eine blümerante Metaphysik kleine Pfade ins Glück. Doch manche Sorge erübrigt sich durch philosophische Sorgfalt. Eine angemessene Anthropologie darf allerdings auch dem Pech und Unglück nicht ausweichen. „Das Unglück allein ist noch nicht das ganze Unglück; Frage ist noch, wie man es besteht. Erst wenn man es schlecht besteht, wird es ein ganzes Unglück“ (Ludwig Hohl). Wie verhält man sich dazu? Auf welche Weise gewinnt und bewahrt man Authentizität inmitten von Abgründen der Verzweiflung und Oberflächen des Alltags?

Nach dem Ich- entstand das Todes-Bewusstsein und mithin die grausame Selbsterkenntnis der eigenen Sterblichkeit. Stoizismus oder Verdrängen gehen da oft nicht auf. Und zuweilen fluktuiert die menschliche Existenz, vielleicht bis in einzelne Biographien, gar zwischen Todfeindschaft und Todessehnsucht. Eine aberwitzige Ambivalenz.

„Ohne Tod wäre die Macht harmlos geblieben“ (Elias Canetti). Denn dann könnte Gewalt letztlich immer überwunden werden – mehr noch: auch die Absurdität; und in stets neuen Versuchen ließe sich der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit trotzen. Fromme Wünsche sind jedoch Drückebergerei (wobei jeder skeptische Naturalist einen eschatologischen Verifikationismus einräumt, darüber hinaus himmlischen Hokuspokus aber belächelt, bedauert oder verachtet). Der tragische Individualismus bleibt der Grundzustand – ein eigentümliches „Aufrechtstehen im Nichts“ (Hans Erich Nossack).

Wenn also der Tod unvermeidlich und das größte Übel ist, empfiehlt sich dann nur ein gemäßigter Hedonismus? Eventuell sogar eine enthusiastische Bejahung des Lebens bis hin zur temporalen Maximierung womöglich unabhängig vom Gehalt?

Andererseits: Seit Äonen explizit und offenkundig ist der „Nachteil, geboren zu sein“ (E. M. Cioran): Leiden ertragen, schaffen und vermehren. So betrachtet, spricht der Saldo immer gegen das Bewusstsein. Die Konsequenz wäre, als Auf- und Erlösung, das „Abdanken“ (Fernando Pessoa). Doch selbst vielen Einsichtigen gelingt dies nicht aufgrund individueller Feigheit oder genereller Willensunfreiheit. Deshalb bleibt die Kluft des Absurden offen. Sie erweitert sich sogar inflationär, ultimativ oder transfinit, wenn es stimmt (wie philosophische Argumente und viele Modelle der Quantenkosmologie implizieren), dass alles physikalisch Mögliche auch wirklich ist und mithin ewig wiederkehrt – und zwar in allen Variationen … und somit nicht nur tausend Tode, sondern unendlich viele … immer wieder. „No One Here Gets Out Alive“ (The Doors)? Ja und nein – doch es gäbe kein Entkommen. Und selbst ein heroisches „amor fati“ (Friedrich Nietzsche) wäre eben bloß ein Variantenbündel unter unzähligen und bleibt absurd.

 

nex & next:

Vaas, R.: Masse, Macht und der Verlust der Einheit. In: Krüger, M. (Hg.): Einladung zur Verwandlung. Hanser: München, Wien 1995, 219-260

Vaas, R.: Aufrechtstehen im Nichts. Universitas, Bd. 63, Nr. 749 & 750, S. 1118-1137 & 1244-1259 (11 & 12/2008)

Vaas, R.: „Ewig rollt das Rad des Seins“: Der ‚Ewige-Wiederkunfts-Gedanke’ und seine Aktualität in der modernen physikalischen Kosmologie. In: Heit, H., Abel, G., Brusotti, M. (Hg.): Nietzsches Wissenschaftsphilosophie. de Gruyter: Berlin, New York 2012, 371-390

Vaas, R.: Wahrheiten auf hoher See. Maritime Metaphern vom Leben, Forschen und Untergehen. Universitas, Bd. 69, Nr. 820, 42-71 (10/2014)

 

Rüdiger Vaas

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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