235

Als ich mich umsah, war die kleine Dorfkirche in Mecklenburg über den letzten Platz hinaus gefüllt. Das überraschte mich. Als Neffe des Verstorbenen hatte ich mich vor Beginn in die erste Reihe gesetzt und während der Zeremonie nicht umgesehen. Die Totenpredigt hatte meinen Onkel von zwei Seiten gezeigt: Die eine kannte ich aus meiner Kindheit und von gelegentlichen Besuchen später, sie zeigte einen herzlichen und freundlichen Menschen, nicht so eloquent wie seine Geschwister, gelegentlich stotternd, schelmisch, aber zurückhaltend und als Mensch für mich wenig greifbar. Die andere Seite offenbarte den beliebten Bewohner eines mecklenburgischen Dorfes, der sich der Restaurierung einer jahrhundertealten backsteingotischen Kirche verschrieben hatte. Als Letzteren hatte ich ihn kaum gekannt; wie angesehen er gewesen sein musste und wie fest im Herzen der Dorfgemeinschaft verankert, dies zeigte mir erst die übervolle Kirche.

Was wissen wir von einem Menschen?

Wie gut kennen wir ihn?

Wieso sehen wir ihn erst im Tod vereint in seinen verschiedenen Facetten?

 

@xbg

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.