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Mein erster Toter war mein Vater. Ich war aber aus dem Haus weggeschickt worden. Später habe ich angeblich oft innegehalten, wenn ein erwachsener männlicher Passant einen ähnlichen Gang hatte, wie man ihn von meinem Vater gewohnt war. Damals gab es aber noch keine Fußgängerzonen.

Mein zweiter Toter war ich selbst. Mein Blinddarm war durchgebrochen, aber mein Drang zum Leben und ein Engel erwiesen sich als wohl größer. Erst viel später habe ich das wirklich begriffen.

Mein dritter Toter war mein Hund. Der unsagbar geliebte Begleiter im geschwisterlosen Aufwachsen. Er lebte noch, als ich zur Schule fuhr, aber als ich heimkam, war der Tierarzt bereits dagewesen. Ich habe das meiner Mutter erst spät verziehen. Es war ein kalter Winter und noch lange konnte man die Spuren seiner Pfoten im Schnee ums Haus sehen.

Mein vierter Toter war ein Autofahrer, der mit seinem BMW den Abhang einer schönen Nebenstrecke hinauf auf die schwäbische Alb hinabgestürzt war. Ich passierte die Unfallstelle und einen kleinen unwesentlichen Stau, der sich deshalb gebildet hatte, mit meiner Vespa und sah zunächst das orangefarbene Wrack dort unten in den Bäumen hängen. Am Straßenrand dann lag der soeben verstorbene Besitzer, ich fuhr schnell vorbei und die Steige weiter hinauf.

Mein fünfter Toter war meine Großmutter. Alle waren zu ihr nach Hamburg gefahren. Auf dem Friedhof in Ohlsdorf durfte jeder, der das unbedingt wollte, noch einmal in die Kapelle mit dem offenen Sarg hineinschauen. Die dort lag, war nicht meine Großmutter. Das beruhigt mich bis heute. Ich mochte meine Omi sehr, auch wenn sie es mir immer übelgenommen hatte, dass ich kein Soldat geworden war.

Mein sechster Toter waren drei Tote am Dreieck Hockenheim, die in der Nähe von großen brennenden Klumpen mitten auf dem Teer der Autobahn lagen und deren Gesichter zum Himmel hin bereits mit weißen Laken bedeckt worden waren. Keiner war bei ihnen, sie waren ganz allein. Alle Helfer waren beschäftigt, noch größeres Unheil abzuwenden. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte denen da unter den Laken die Hand gehalten oder wenigstens ein Kissen unter den Kopf geschoben.

Mein siebter Toter war mein großer Bruder. Die Ärzte sagten, er sei an Lungenkrebs gestorben. Sicher, er hatte Lungenkrebs, aber woher wissen sie, dass er daran gestorben ist? Ärzte sind Zaungäste, aber auch nicht die schlechtesten.

Mein achter Toter ist wahrscheinlich der Tod selbst. Er hat mich oft vor Toten beschützt, vielleicht, weil mein Vater so sehr früh verstorben war und ich daher nicht mit meinem großen Bruder aufwachsen konnte. Keinmal war ich da, wenn gestorben wurde. Ich war da, wenn jemand tot war. Bis heute ist mir das fast unheimlich.

Mittlerweile bin ich älter als mein Bruder und mein Vater bei ihrem Tod. Auch das ist mir unheimlich, aber es macht mich doch dankbar und klein und versöhnt mich. Und wer weiß schon, was noch kommt.

 

Sebastian Rogler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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