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Dori freute sich. Die Sonne schien ihr aus dem Arsch. Riedener Wald West stand auf dem Schild. Der Parkplatz platzte fast. Es brummte, sauste, kreischte. Ein Sattelschlepper wartete noch auf die Last. Daumen hoch, zeigte der Fahrer durch das Fenster an. Dori sang „Toxic“ von Britney Spears. Dori trug immer schwarz, weil das Leben scheiße war. Der Bus donnerte hinter uns, obwohl er stand. Der Motor strahlte Hitze ab. Dori hob den Rock mit beiden Händen an. „Du Marilyn!“, rief ich ihr zu. Und Dori lachte puren Sex auch ohne Ton. Dori machte immer so ein blödes Zeug.
Der Fahrer ließ die Scheibe runter. Er krümmte die Lippen zu einem Pfiff. Seine Blicke stachen in Doris weiße Haut.
„Komm, Dori. Wir müssen wieder rein.“ Ich wollte, dass sie weitermachte. Der Asphalt atmete uns an. Die Sohlen meiner Chucks schmolzen fast. „Los. Mach doch mit!“ Dori drehte sich. Sie tanzte, Arme oben links, dann rechts.
Ben stolperte aus dem Bus. Ben: schwarze Strähnen wie Uhrzeiger auf der Stirn. „Fuck. Mann. Ist das heiß.“ Er wedelte an seinem T-Shirt rum, auf dem ein Smiley nur noch verknittert smilete. Dori wurde schwindelig von all der Dreherei. „Willst du welche?“ Ben hielt nur mir eine Tüte Cashewkerne hin. Ich hatte Durst, aber das Gatorade auf meinem Platz im Bus vergessen. Ich schüttelte den Kopf.
„Gib mal!“ Dori torkelte und stoppte. Fast wäre sie nach links weggekippt. Ein metallic-blauer Audi hupte. Ben wollte es nicht, doch Doris Hand hing schon in der Tüte. „Was ist das überhaupt?“
„Nichts.“ Ben zog die Tüte weg. Aber Dori riss daran. Die Kerne sprangen in alle Richtungen, rollten unter den Sattelschlepper, verkrochen sich unter den Bus. Ein paar ergatterte Dori gerade noch. Ben robbte auf den Knien um uns herum. Seine Fingernägel kratzten über den Asphalt.

Und da steht Dori in ihrem schwarzen, über den Schultern schrägen Top. Plötzlich geht die Zeit im Schritt. Abgase wehen mir ins Gesicht, als Dori sich die Nüsse in den Mund rieseln lässt. Nuss für Nuss, den Kopf gen Himmel gereckt, die Lippen weit. Die Sonne brennt über uns wie eine Feuersbrunst. Dori kaut und lacht. Jemand ruft: München! und ich denke, Reykjavik, das wär’s jetzt für die Klassenfahrt. Jetzt knie ich mich hin, weil so nah war ich Ben noch nie. Es macht mir nichts, dass ihm seine scheiß Nüsse so wichtig sind. Ich greife nach der einen, nach der er greift. Hand auf Hand, Gesicht an Gesicht. Kurz knipse ich die Sonne aus. Stelle mir vor, wie sich Bens Zunge zwischen meine Zähne schiebt. Ben riecht nach Schweiß und Gatorade.
Ich reiße die Augen wieder auf. Dori liegt neben uns und zuckt. Ich denke, sie lacht, weil sie die Luft einzieht. Der Mund steht auf wie ein Loch beim Minigolf. Ich sag noch was, wie „Komm, Dori, lass den Scheiß!“, aber ihre Augen sperren, ihre Hände krallen. Dann tritt sie um sich. Der eine Schuh geht ab. Ich denk noch, Nüsse, Mensch. Danach bleibt Dori plötzlich starr. Der LKW-Fahrer steigt langsam aus. Es stinkt nach Diesel oder so. Dori macht immer so ein blödes Zeug.

 

Katja Bohnet

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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