231

Man weiß bei Möbeln, woher sie kommen. Man hat das Bett von Ebay, den Schrank von Ikea. Man hat den Tisch von Oma. Wir haben die Nachttischlampen von der Frau, die ins Wasser ging. Die Lampen haben wir aus einem Nachlass, der in der Garage meiner Schwiegermutter auf dem Land verkauft wurde, ich habe vergessen, warum das bei ihr stattfand. Da war alles voller altmodischer Möbel, sehr gepflegte Möbel waren das. Spießig natürlich, aus unserer großstädtischen Sicht. Sicher teuer gewesen, als sie einmal neu waren. Ein etwas besserer Haushalt auf dem Land wurde da aufgelöst, der Haushalt älterer Leute mit konservativem Geschmack. Polstermöbel in gediegenem Dunkelgrün, Glastische auf Stahlrahmen. Porzellanvasen, schwere Kristallaschenbecher. Die Sessel standen zu einer Gruppe arrangiert neben dem Sofa, das Geschirr daneben in Kartons. Zeitungsseiten zwischen den Tellern. Deckenlampen lagen auf dem Boden. Alles war heil, gepflegt, sauber. Geradezu aufdringlich sauber. Der Mann war gestorben und die Frau war ins Wasser gegangen, hieß es, deswegen wurde alles günstig verkauft, der ganze Haushalt.

Wir haben die Nachttischlampen gekauft. Die Lampenschirme in einem unaufgeregten Rot, Messingständer. Ein dezentes Blumenmuster im Schirm, goldene Fransen darunter. Solche Lampen werden immer noch hergestellt, sie stehen in besseren Hotels. Wir haben uns über die günstigen Lampen gefreut; wir haben uns später erst gefragt – wieso eigentlich ins Wasser? Und wie macht man das? Bei meiner Schwiegermutter ist kein geeignetes Wasser in der Nähe, die Gräben zwischen den Äckern werden dafür kaum reichen. Da müsste man schon bis zur Weser fahren, um irgendwo abtauchen zu können. Ins Wasser zu gehen, das ist eine Todesart aus dem neunzehnten Jahrhundert, das war etwas für junge Damen, die ungewollt schwanger wurden. Verzweifelte Dichterinnen der Romantik gingen ins Wasser, den Abschiedsbrief auf dem Tischchen am Fenster zum Park zurücklassend. Dann standen sie mit wogendem Kleidersaum im Schilf, der Mond spiegelte sich lockend im schwarzen Wasser, im Jugendstil wurde das dann hundertfach so gemalt.

Die Besitzerin der Nachttischlampen ging ins Wasser, wie auch immer sie es angestellt hat. Eine ältere Dame vom Dorf, aus einem sehr gepflegten Haushalt. Sie ist nach dem Tod ihres Mannes verzweifelt, hatte Depressionen oder Schulden, wer weiß. Ich habe keine Ahnung. Ich erinnere mich nur an den Garagenverkauf der Möbel. Da gingen die Kunden durch das Mobiliar der Frau, die ins Wasser ging. So viel von der Geschichte wusste immerhin jeder, aber besprochen wurde das nicht. Das nahm man hin, das war eben so. In jener Gegend redet man sowieso nicht viel. Man fragte leise nach Preisen, drehte Geschirr in der Hand, saß sachte wippend Probe und trug Kleinteile in Autos. Irgendwer sitzt jetzt auf den Sesseln der Frau, die ins Wasser ging, irgendwer trinkt aus ihren Tassen. Ich mache abends ihre Lampen an, lese in deren rötlichem Schein und denke immer noch manchmal: Komisch. Ins Wasser.

 

Maximilian Buddenbohm

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.