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Ich weiß, dass er ihr nicht gut geht. Sie hat mit ihm gesprochen, ihm gesagt, dass sie Mutter werden möchte. Erst sagt er gar nichts und schaut sie nur an. Sie ahnt bereits Unheilvolles.
„Ich liebe dich, aber ich traue dir nicht zu, dass du die Kraft hast, die Verantwortung für ein Kind tragen zu können.“
Die letzten Worte erreichen ihr Ohr nur noch gedämpft, so als hätte sie Watte in den Ohren. Sie erhebt sich vom Sofa und verlässt den Raum.
„Wo willst du hin?“
Sie reagiert nicht. Sie will nur noch raus. Der Schmerz in ihr ist übermächtig. Sie hatte gedacht, dass sie nun endlich angekommen sei, ihre Suche nach Heimat, nach Geborgenheit in einer Familie ein Ende habe und nun … Ihr stockt der Atem. Ihre Hände fühlen sich eiskalt an. Sie steigt in ihr Auto und fährt los. Von unterwegs ruft sie mich an. In Tränen aufgelöst, dann wieder voller Wut auf ihn, Hass auf ihre Vergangenheit, auf die Narben auf ihrem ganzen Körper, die jedem Mann zeigen, dass sie einige Probleme mit sich hat …
„… aber ich hab das doch überwunden, ich ritze mich schon seit fast drei Jahren nicht mehr … Warum traut er mir nicht zu, eine gute und verantwortungsbewusste Mutter zu werden? Ich glaube einfach, dass es mir gut tun würde, Mutter zu werden, so wie es auch dir gut getan hat und noch immer tut …“
Ich spüre, wie aufgelöst sie ist. Wie der Schmerz schier ihr Herz zerreißt. Wie sie in ein Loch fällt.
„… ich will mit diesem Mann nicht mehr zusammen sein … Ich muss hier weg. Was soll ich mit einem Mann, der mir das Natürlichste einer Frau, ihr nicht zutraut, es nicht mit ihr wagt? … Ich will weg hier! Sofort! …“
„Wo bist du?“
„Ich fahre zu mir in die Wohnung.“
Sie hat ihren Job und ihre Wohnung gekündigt, um mit ihm, ihrer ersten großen Jugendliebe zusammen sein zu können. Vor einem Jahr haben die Wellen des Lebens sie nach über zehn Jahren, in denen sie nichts mehr voneinander gehört hatten, wieder zueinander gespült. Und jetzt das. Ich hätte ihr so sehr gewünscht, dass sich ihr Traum von Familie und Kind endlich erfüllt. Ich weiß, dass sie eine gute Mutter wird, trotz ihrer Vergangenheit und der Narben auf Seele und Körper. Was sagt man als Freundin in so einem Moment?
„Was brauchst du?“
„Ich will hier einfach weg … Ich muss wieder einen Job finden und eine andere Wohnung … Ich muss in einer Woche draußen sein … Was soll ich bloß tun?“
„Ich glaube, erst einmal brauchst du Zeit und Ruhe. Ich habe eine Freundin, die ein Zimmer zu vermieten hat, ganz hier bei mir in der Nähe. Was hältst du davon? Das verschafft dir erst einmal Zeit und ich kann für dich da sein. Ich helfe dir, so gut ich kann.“
Svenja stimmt zu. Sie wirkt wieder etwas gefasster. Ich rufe sofort Marie an und sie ist bereit, Svenja das Zimmer zu vermieten. Ich atme erleichtert auf. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch hinkriegten. Schließlich waren wir Schicksalsschwestern. Hatten beide eine Kindheit geprägt von Gewalt und sexuellen Übergriffen überlebt …

Drei Tage später. Svenja wird heute Abend hier ankommen. Marie und ich richten das Zimmer her. Ich freue mich auf sie, auch wenn ich weiß, dass sie mich in den nächsten Wochen ständig brauchen wird; ich bin zuversichtlich, dass sie auch diesen Schicksalsschlag, wie davor schon ihre Kindheit, überleben und schon bald wieder meine alte, lebenslustige, ernste, quirlige und starke Freundin sein wird.

Ich warte. Seit einer Stunde sollte sie hier sein. Ich versuche, sie übers Handy zu erreichen. Mailbox. „Na gut, sie ist vielleicht in einen Stau geraten. Sie kommt schon.“ Ich fühle mich aufgewühlt. Spüre, dass etwas nicht stimmt. Rede mir selbst gut zu. Will der Ahnung keine Nahrung geben. „Nein, nicht Svenja. Die ist viel zu stark.“
Zwei Stunden später.
„Sie kommt. Bestimmt. Sie hat doch nicht diese beschissene Kindheit überlebt und gibt jetzt mit sechsunddreißig Jahren auf, nur weil ein Typ Angst hat, mit ihr eine Familie zu gründen. Niemals!“

Der Morgen dämmert. Ich weiß, sie kommt nicht. Ich weiß tief in mir, sie kommt nie wieder. Ihr Partner ruft mich an, erzählt, dass sie ihre Agenda mit einigen Telefonnummern im Adressteil bei ihm hat liegen lassen und dass er nun alle anruft, um zu fragen, ob Svenja da sei.
„Nein, sie wollte gestern Abend hier sein. Ist aber nicht gekommen …“
„Okay. Danke. Tschüss.“

Drei Tage später findet ein Förster ihren alten roten Fiat. Eingekuschelt in eine Decke liegt sie auf der Rückbank. Er sagte, er hätte erst angenommen, dass sie schläft. Doch als sie auf sein Klopfen nicht reagierte …

Ich war fassungslos und gleichzeitig konnte ich sie verstehen und spürte eine tiefen Respekt vor ihrer Entscheidung. Irgend ein Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen, zerreißt die dünne Schnurr die Betroffene von Gewalt und Missbrauch mit dem Leben und der ständig latenten Todessehnsucht verbindet … Sie hat nachgegeben … Losgelassen … Ich hatte nur noch eine Aufgabe, ihren Schritt mit der Liebe die ich für sie empfand, zu akzeptieren und zu respektieren …

Svenja, auch wenn ich deinen Schritt respektiere, gibt es Momente, in denen ich dich vermisse und Momente, in denen ich wütend bin, dass wir nicht mehr zusammen lachen und weinen …

 

Michèle Pellegrini

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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