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Als Dorothea die andere Welt besichtigte, teilte sie ihre Abreise mit, indem sie den Raum wie eine Bettdecke schüttelte. Einer der Zipfel muss dabei in unsere Küche gelangt sein. Der Schöpflöffel, die Knödelkelle und das Sieb fielen von der Herdklappe auf die Platten. Christina fing gleich damit an, ein kompliziertes Gimmick zu kochen, das alle drei Kochprothesen in ihrem Amt bestätigte. Die Stimmung war heruntergekühlt, selbst die Möbel zitterten und drängten sich aneinander wie Schafe. Der schepprige Nachklang des Aufruhrs versteckte sich zwischen den Nähsachen in einem der Eckbank-Kästen, war also fürs erste nicht mehr zu vernehmen. Carlos und Noob rauchten, ich aber lauschte den Fledermäusen, die, vor den Karren gespannt, als Psychopompos ihr Sklavengeld verdienten.

„Das gibt es schon lange in unserer Familie“, bestätigte Christina das Tosen der Ultraschallbrandung, formte ein Teigmännchen aus Kartoffelbrei, zerstach es mit einem Messer, das vorher in Mehl getaucht wurde. Carlos und Noob starrten auf den Bildschirm.

„Jetzt ist alles nur noch schwarz-weiß“, sagte Carlos. Noob erhob sich von einem knarzenden Anker, um gegen das Gehäuse zu boxen, doch das Bild blieb ein Schattenspiel.

Bevor ich anfing, meine Schritte zu lenken, bevor der Wind der Ewigkeit kam, mich anblies, die Grashalme neben mir schüttern ließ, wuchs mir ein Organ, das die gleichen Aufgaben erfüllt wie meine beiden Augen. Es muss außerhalb von mir gelegen sein, in Form einer Radioantenne aus Ektoplasma.

„Es ist das Auge, mit dem man den Schleier der Isis durchschaut, ihn nicht wegreißt – man demütigt keine Göttin – ihn durchschaut wie ein Negligé.“ Christinas zappelnde Finger bildeten ein Auge, das bereits dem angestrebten Knödel ähnelte, pupillenfrei. Wasserdampf entfuhr den Töpfen, beschlug die Zierscheibe der Salontüre, an die es leise klopfte, als Frau Kuckuck das Telefongespräch ankündigte, gekräftigt von immer auf Treppen marschierenden Waden.

Bevor ich meinen ersten Weg fand, entdeckte ich die Wasseradern, die verdrehten, arthritischen Knoten der Grashalme, wie grüngelbe Fingerglieder.

Dorothea hatte ihr Leben gelassen in ihrer letzten und damit unendlichen Urinpfütze, der Ofen in ihrer Dachkammer auf 43 Grad hochgeheizt. Uhren meißelten ihre Zeiger dem Stillstand ein, wie Spieldosen, denen die Feder entwischt. Teller und Tassen sprangen entzwei, Brot wurde schimmlig, Milch sauer. Vakuumierte Zeichen in einer Kette der Ereignisse.

Carlos nahm das Telefon entgegen, die einbalsamierte Nachricht, verkündet von der los-, der aufgelösten Stimme, die aus der Plastikschale drang. Als er zurückkehrte, wussten wir instinktiv, dass sie gleich liefern würden. Noob saß auf seinem Anker und rauchte gegen die Fliegen an, die in seinem wattigen Haar das Nest ihrer Vorfahren erkannten.

Als es läutete, war das Essen bereits fertig und eroberte ohne weitere Verzögerung die letzten Winkel des eingenommenen Wohnhauses. Nur einige Partisanen, die sich im Duftwasser verbargen, das Carlos jeden Morgen über seine von der Sonne braungebackenen Wangen trieb, wehrten sich gegen die drohende Niederlage, verschanzten sich im steifen Kragen seines Hemdes.

Dorothea, eingenäht in Werg und Linnen, wurde über die engen Ringelstufen nach unten transportiert. Eine ägyptische Göttin, der das Mahl gewidmet ist, an dem auch die vier Träger teilnehmen, die sich lobend über die Gerüche äußern.

„Ah! Schwarz-weiß!“, sagt einer von ihnen. Noob blickt durch eine blaue Wolke zu ihnen hin, wie sie, mit Dorothea in ihrer Mitte, darauf warten, einen Platz zugewiesen zu bekommen.

Jetzt sehe ich die Landkarte ihres Gesichts deutlicher als bei unserer letzten Begegnung. Täler, Flussläufe, Wälder und Heiden, ganz unberührt vom Faltenwurf der Kontinentaldrift. Wer war sie, diese gelbhaarige Frau, die schwieg, am Fenster schwieg, in mein junges Gesicht schwieg, auf mein Leben hinabblickte, auf die Pappel, unter der ihr Gemahl einst, vom Schlag getroffen, niedergesunken war.

„Was willst du?“, schien sie zu sagen, sagte aber nichts. „Ich habe gelebt. Wirst du leben?“

Sie trottete in dieser Dachkammer auf und ab, um Bewegung zu simulieren, blickte dann und wann wieder aus dem Fenster. Dort wird sie eines Tages die vier Träger über die Felder nahen sehen.

Ich stand wie angewurzelt da und beobachtete ihr Epiphytenhaar in diesem gleichförmigen Klima zwischen 20 und 30° C. Die reichlichen Harnniederschläge verteilten sich gleichmäßig, die Luftfeuchtigkeit blieb ständig hoch, erreichte den Sättigungswert. Nichts sah sie da draußen, was sie nicht kannte. Die Poren der Erdoberfläche, die wandernden Grasbüschel, Baumreihen, die mit ihr aufgewachsen waren.

Wir waren unfähig, uns zu verständigen, sprachen nicht die gleiche Sprache. Wenn Dorothea, die Herbstzeitlose, von einer Wiese redete, handelte es sich um keine Wiese, die ich kannte, denn sie sprach von einer Wiese aus einer anderen Zeit, und diese Zeit, die in nackten Zahlen ausgedrückt wird, ist nicht die Zeit, die ein vergangenes Jetzt auszudrücken vermag. Sobald wir ‚anno‘ sagen, reden wir uns aus unserem Universum heraus. Dorothea war näher dran an des Menschen amphibischer Herkunft als ich. Wie es wohl wäre, mit einem Fisch zu sprechen?

Sie blickt hinaus zu Ägir, der die Wellen, wenn alles Wasser ist, antreibt, und wenn nichts mehr Wasser ist, versteinert. Der Körper, der noch trägt, weil ein gewisser Gedanke noch nicht zu Ende gedacht, weil ein gewisses Wort noch nicht gesagt wurde.

„Ich sehe dich nicht, aber ich bin nicht blind. Ich weiß sehr wohl, dass du hier stehst, weiß auch, wer du bist. Ich kann mir nur nicht vorstellen, was du tust, lebst du doch in einer Welt, in der ich bereits tot bin. Ich kann nicht mit dir über ein gemeinsames Necken lachen, ich kann nicht schmecken, was du schmeckst.“

Erinnerte sie sich daran, wie sie als junges Mädchen über grüne Wiesen hüpfte, an ihren ersten Kuss hinter der stillgelegten Steinmühle, im Dickicht kommender Jahrzehnte?

Ich kann mir nicht vorstellen, wie meine Urgroßmutter zu jemand Mutter sagt. Und sie sagt: „Mutter!“ Sie ist schon ganz weit, aber hier bin nur ich. Und sie sagt: „Mutter!“

Da schwebten mit einem Mal Myriaden kleiner Wassertropfen durch den Raum, die ich nur als einen dichten Nebel wahrnahm. Nur, dass es sich dabei nicht um Wassertropfen handelte, sondern um Sekunden. In jeder dieser Miniperlen steckten Informationen der vergangenen Zeit. Randvoll waren sie mit dem Blut des ausgesaugten Weltgeschehens, übernahmen die Arbeit saftgeiler Mücken, in ihrem Abdomen Geschichten und Kombinationen, jede für sich betrachtet unendlich, fahrige Bewegung speichernd, in Kohorten durch den Raum schwebend. Hie und da schon eine Geschichte, eine Verwicklung. Alles, was man zu tun hatte, war, diesen Zeitenkelch zu befeuern, so dass die Zeit auch tatsächlich verdunsten konnte.

„Wie viele von diesen Kelchen mag es geben?“, fragte ich das Fleisch der Generationen.

„So viele du willst“, antwortete es und entließ mich mit der Entschuldigung, schlafen zu müssen.

 

Michael Perkampus

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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