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Ich bin satt – Ausrufezeichen, schrieb ich Georg.

Bist du dir sicher – zwei Fragezeichen, schrieb Georg zurück.

Und ohne meine Antwort abzuwarten rief er mich an.

Bist du dir da ganz sicher? – Ja, antwortete ich etwas wackelig. Dann schwiegen wir.

Und als wir begriffen, dass keiner von uns das Schweigen beenden konnte und würde, legten wir beide auf.

Ich hatte mich noch nicht entschieden, wie ich mein Sattsein beheben wollte, als es klingelte. Vor der Türe fand ich einen Karton. Zuerst scheute ich mich, ihn zu öffnen, tat es dann aber doch. Er war leer. Auf seinem Boden stand in großen gelben Buchstaben MANUEL mit einem ebenso großen Fragezeichen dahinter.

Manuel.

Ich murmelte ein paar Mal diesen Namen und mein Kopf füllte sich mit ihm. Tatsächlich, Manuel war mir abhandengekommen. Zuerst als Sohn, dann als die Erinnerung an den Sohn.

Ich rollte Manuel noch eine Weile auf meiner Zunge und immer deutlicher wurde er mir.

Er war ein kleines gelbes Wesen. Lichtgelb seine Haare, goldgelb die Augen, honiggelbe Sommersprossen auf Nase und Wangen, selbst seine Lippen hatten eine gelbliche Färbung.

Er war mein Sonnenkind. So nannte ich ihn, bis eines Tages das hartherzige Blau ihn verschlang.

Kräftig und gefräßig langte es nach meiner winzigen Sonne und zog sie hinein in seinen endlos tiefen Leib. Auf nie mehr Wiedersehen!

Seitdem trug ich kein Gelb mehr, in keiner noch so leichten Stufung.

Genauso hielt ich es mit Blau.

Aus dem Schrank, aus der Wohnung, aus dem Leben, aus dem Kopf. Und mit dem Gelb verstieß ich mein Sonnenkind und mit dem Blau das Meer.

Wie lange ich brauchte, um mich ganz von Manuel zu entfernen, kann ich nicht sagen. Über diese Zeit trug mich das Weiß.

Klein, glatt dragiert, einzeln eingebettet in weißsilbernem Plastik, zu Stapeln verpackt in weißgrauen Schachteln aus festem Papier.

Jetzt aber kam Manuel zurück.

Vorsichtig tapste er in meine Gedanken. Tauchte auf, tobend im Garten oder schlafend in seinem Bettchen, verschwand wieder, um erneut zu erscheinen, mit einem Ball oder einem anderen Spielzeug.

Plötzlich musste ich an Georg denken.

Ja, Georg, ich bin satt vom Weiß, rief ich in den leeren Flur.

Ich wollte noch einmal alle Töne von Gelb empfangen, wollte sie fühlen, riechen und mich in ihnen bewegen.

Tagelang lud ich mir die Sonne ein, später auch das Meer.

Als ich die Farben nicht mehr trennen konnte und zuließ, dass sie sich vermengten zu einem vollen, ruhigen Grün, wusste ich mein Sattsein zu beheben. Ich verstand das Grün. Es war Manuel und das Meer in einem, untrennbar miteinander verbunden, für alle Zeiten. So nahm ich es an und ließ es eine Brücke für mich sein. Über diese stahl ich mich still davon.

Mein neues Haus ist braun und aus Erde. Das schwarze Namensschild darauf hat Georg anbringen lassen. Zur Erinnerung.

Er ist es auch, der mir noch immer rote Blumen nachschickt. Aber sie kommen nicht an. Armer Georg! Er hat immer versucht, mich mit Rot halten zu können und nie verstanden, dass diese Farbe für mich unsichtbar war. Und so tauschte ich das für mich unsichtbare Georg-Rot gegen den gelben Manuel, das blaue Meer, die grün-braun-schwarze Ruhestatt.

Dein Rot ersetzte das Weiß nicht, Georg!

Und auch keine meiner anderen Farben!

 

Christine Erlach

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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