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Nach Mitternacht stand ein Freund vor der Tür. Ich erkannte ihn nicht. Es war Tom und es war nicht Tom. Ich zog ihn rein, drückte ihn auf den Stuhl, holte Wodka. Was sonst. Er schwieg. Ich schwieg. Ich sagte: was. Etwas sagte: Anke ist tot. Was sonst, dachte ich und sagte: nein. Anke ist sechzehn. Anke ist Lachen. Anke ist seit zwei Monaten Toms Freundin. Am Abend hatte er sie gefunden. Bis jetzt hatte ihn die Kripo verhört …

Anke lag hinter Glas. Fein hergerichtet zum Abschied. Gleich würde sie die Augen öffnen und lachen. Aber Schneewittchen war einmal und Tom war erstarrt. Seine Hand umklammerte meine. Die Kälte kroch mir den Arm hoch. Ankes Mutter schrie. Ihre Fäuste schlugen gegen die Scheibe …

Der Schnee blendete. Jonas und Tabea waren draußen geblieben. Sie nahmen mir Tom ab. Wir gingen ins Café. Was sonst. Auf dem Weg erzählten sie von diesem Schwan. Der wäre vorhin überm Schornstein aufgestiegen und hinterm Friedhof, gegen die Sonne, hätten sie ihn aus den Augen verloren und wenn sie nicht zu zweit gewesen wären …

 

II

Ich sah mich nach einem Kurschatten um. Er stand am Büffet. Nicht sehr präsent, aber ruhig und klar. Über die Tische hinweg trafen sich unsere Blicke. Wenn, dann du.

Meine Frage nach dem Pflaster an seinem Hals beantworteten derweil andere. Ein Suizidversuch. Unzugängliches Ufer, Temperaturen bei null, Nacht, aufgeschnittene Halsschlagader. Ein Jagdhund hätte ihn verbellt. Gründe wüsste man nicht. Seine Welt sei heil. Das Wort „Versuch“ schien mir unpassend. Und die beredten Blicke von vorhin bekamen eine andere Farbe.

Am nächsten Tag war die Polizei im Haus. Am Abend kam die Suchmeldung in den Nachrichten. Ich ging hinunter zum See. Der Mond spiegelte sich im Eis. Es war totenstill. Ich wusste, sie würden ihn nicht vor der Zeit finden. Und hoffte, er könnte mich am Ufer sehen: aufgewühlt und versunken. Im Einschlafen schreckte ich auf. Das Zimmer war voller Klarheit. Er war zum Verabschieden gekommen, zum endgültigen Entlassen in das eine und in das andere Leben. (In Dankbarkeit für F.)

 

III

Ich war nicht die Einzige, die Paul umbringen wollte. Sein Tod würde niemandem ans Herz gehen. Trauerfeier und Nachlass lagen in meiner Hand. Da es zum Umbringen zu spät war, kam nur noch ein Watschen postum in Frage. Aus dem Leben eines Taugenichts fiel mir spontan ein – daraus könnte zur Feier des Tages zitiert werden. Nie gelesen, aber in echter Weltliteratur findet sich immer etwas Passendes.

Ich suchte. Ich las mich fest. Über einen jungen Mann, der am Waldrand rastet, der leben und lieben will und es nicht zuwege bringt. Ich erinnerte mich an Pauls Erinnerungen: der Lieblingsplatz am Waldrand, mit Büchern, die ihn übern Krieg gerettet hatten. Die Lektüre war eine gute Entscheidung. Der Autor sollte genannt werden. Den Titel behielt ich für mich.

In Pauls Schreibtisch fand ich eine Brosche auf Pappe gesteckt. Darunter mit ausgeblichener Tinte mein Name.

 

Vera Doneck

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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