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Der Tod, dieser Wünschelrutengänger, es kommt vor, dass ich ihm begegne, dass er die Felder hinter meinem Haus abgeht, so langsam, als sei ihm ganz feierlich zumute, und dabei tut, als sei er mir zu Diensten: Er, der unkündbar ist, welche Fehler ihm auch passieren, fest setzt er Schritt um Schritt auf die Erde und seine Fehlerquote ist hoch. Der groben Fehler und seines Geruchs wegen traue ich ihm nicht, des kalten Schweißes wegen, den er verströmt, wenn er die Felder abgeht hinter dem Haus. Und dann, in einem schwachen Moment, tue ich es doch, weil er nicht versucht, mein Vertrauen zu gewinnen. Manchmal betrachte ich ihn, am Fenster stehend, er sitzt auf einem Stein und raucht seine Pfeife, müde, kurz davor, alles hinzuwerfen, endlich seinen Frieden zu machen mit uns. Doch jedes Mal besinnt er sich, steht auf, geht wieder ans Werk. Er wird kein gutes Wort dafür hören und niemand will ihm nahe sein, reichte er zwischen seinen Gängen auch die Friedenspfeife herum. Einen, der unkündbar ist, mögen die Menschen nicht, einer, den man mit Geld nicht verführen kann, ist ihnen ein Dorn im Auge. Doch suchte er das Weite, ein anderer würde es für ihn tun: Den Tod spielen, der Wünschelrutengänger sein, der auf die besten Stellen im Leben hinzudeuten weiß, der mir zeigt, wo das Glück vergraben liegt auf meinen Feldern, mich mit der Nase darauf stößt wie einen Hund. Denn frage ich mich in manchen Stunden, wo der Hund begraben liegt, sodass er die schönen Stellen nicht mehr erkennt, spüre ich am nächsten Morgen doch wieder, wie er atmet und lebt: Weil es einen gibt, der ihn mit der Nase – und wenn es auch schmerzt – auf die kleinen Stellen des Lebens drückt. Immer dorthin, wo das Kostbarste liegt.

 

Angelika Stallhofer

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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