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Ich öffne leise die Tür, sacht, ich will sie nicht wecken. Ihr Haar liegt ausgebreitet auf dem Kissen, ein Fächer aus Seide, in den ich mein Gesicht vergrabe und ihren Duft in mich hineinatme. Vorsichtig hebe ich die Decke und schiebe mich neben sie, meine Hand wandert über ihren Bauch. Wärme unter dem dünnen Stoff, Weichheit unter meiner Hand, die ich jetzt kreisen lasse. Früher war ihr Körper fester, aber ich mag die Geschichte, die mir ihre Haut erzählt. Sie seufzt und dreht sich leicht zu mir hin, ich streichle weiter, mein Arm ruht auf ihrer Hüfte.

Meine Stimme ist ein Summen an ihrem Ohr „Ich bin jetzt da …“ flüstere ich in ihren Traum hinein „… ich bin jetzt da …“ Sie murmelt im Schlaf und ich streiche über ihre Stirn, sie ist so zart, wenn sie schläft, ihr Mund lächelt sinnesfern, leicht geöffnet. Als es draußen kurz laut wird, blinzelt sie sich aus ihrem Schlummer heraus, als sähe sie mich zum ersten Mal.

„Du hast dich ja so schön gemacht …“, sie räuspert sich den Schlaf aus den Worten.

„Natürlich mache ich mich schön, wenn ich zu dir komme …“, antworte ich ihr lächelnd. „Hast du Durst?“

Sie nickt und ich schenke uns etwas Wasser ein. „Hunger auch? Einen kleinen Happen? Ich hab uns was mitgebracht.“ Aus der Tasche neben dem Bett angle ich einen kleinen Erdbeerjoghurt und einen Löffel. „Wir essen heute im Bett!“, sage ich und sie lacht.

„Mach den Mund auf, koste!“, verführe ich sie und genießerisch wie ein Kind lässt sie mich den Löffel in ihren Mund schieben, schließt wieder die Augen und seufzt.

„Himmlisch! Mehr davon …“

Löffel für Löffel die Süße des Lebens, auch wenn sie in einem Plastikbecher serviert wird.

Ich küsse ihr einen Rest Joghurt aus dem Mundwinkel und streiche ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Dein Haar ist so weich, du hattest immer schon Feenhaare …“

„Ach, diese Flusen, haben mich immer so geärgert …“, gibt sie zurück.

Ich schüttele lächelnd den Kopf. „Du bist so schön, weißt du das? Du warst es immer …“

Wir liegen und streicheln uns, wir haben Zeit. Draußen geht der Tag vorüber, im Fenster sehe ich die Wolken grau werden. Der Wind treibt ein Blatt vorbei, Vögel sammeln sich in der Luft.

Wir kennen uns so lang, dass wir kein Wort brauchen oder nur ganz wenige, unsere Hände kennen die Wege, auch wenn sie andere geworden sind mit der Zeit. Den anderen Körper nehmen, wie er es braucht, so, wie es gut tut. Nichts Aufgeregtes dabei, Vertrautheit, den Atem teilen, der schneller wird und wieder abebbt. Das Herz schlagen fühlen unter den schweren Brüsten, einmal kraftvoll, zweimal klein und stolpernd hinterher, glimmende Wärme im Inneren und kühle Hände und Füße. Es ist gut so, ich vergesse den Raum und die Stunden, bin bei ihr, jetzt, ganz nah.

Es ist fast dunkel, als ich mich auf den Weg mache, wir haben das Bett nicht verlassen und sie ist nochmal eingeschlafen. Ich will sie nicht wecken, ziehe sacht meinen Arm aus ihrer Halsbeuge und lasse ihren Kopf sanft auf das Kissen sinken. „Träum süß, meine Schöne …“, flüstere ich mit einem Kuss auf ihre Stirn. „Ich bin da, auch wenn ich jetzt gehe … ich liebe dich.“

Jetzt öffnet sie doch die Augen. „Ich auch.“ Pause. Atmen. „Und ich liebe dich auch.“

Leise schließe ich die Tür hinter mir und gehe. Ein paar Stunden später geht auch sie, mein Herz spürt ihren Kuss in dieser kalten Nacht.

 

Alexandra Lüthen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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