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Landschaft, die schon tot ist I: Südkalifornien. Ein Meer aus Parkplätzen. Hinter einem Parkplatz ein Krankenhaus, in dem eine Frau stirbt. Die Frau wartet mit dem Sterben, bis sie allein mit uns ist. Das Leben verlässt sie. Die Veränderung ist im Raum ist sofort spürbar: Der Tod ist eingetreten. Dann ein Röcheln, die Leiche hat Wasser in der Lunge, es blubbert. Wir sind schreckensstarr. Größer als unsere Trauer um den Tod der Frau ist unsere Angst, sie könnte wieder zum Leben erwachen. Als wir aus dem Krankenhaus kommen, geht über dem Parkplatz die Sonne unter. Der Himmel brennt. Ich bin 37.

Landschaft, die schon tot ist II: Arizona. Ein Meer aus Häuschen mit Pool, die Rentner sich kaufen, weil man ihnen versprochen hat, dass sie in der Wüstenluft noch etwas länger aushalten werden. Abtöten müssen sie dazu alles um sich herum. Der Golfplatz ist Naturersatz. In diese Welt hinein der Anruf: In Schleswig-Holstein ist mein Vater in der Küche gestürzt und hat sich am Kühlschrank den Kopf aufgeschlagen. Die Nachbarn haben geholfen das Blut wegzuputzen. Jetzt ist klar, dass er sterben wird. Ich bin 43.

Ich bin 19. Landschaft mit Tod, dampfend vom Dauerregen. Nordkalifornien. Ein Indianer hat sich aus einem alten Schulbus ein Wohnmobil gebaut. Er verschenkt Drogen, um uns anzufixen. Wir sind alle im fahrenden Schulbus, nachts auf dem Highway. Tommy klettert auf die Kühlerhaube und übt Handstand. Ich kühle mir die Stirn an der Windschutzscheibe. Der Indianer sitzt tief über das Lenkrad gebeugt. Heute glaube ich, dass dieser Indianer der Tod war. Ich habe ihn nur nicht erkannt. Wenn ich ihn erkannt hätte, wäre er mein Tod gewesen. Wäre er gewachsen ins Riesenhafte, hätte er die Decke des fahrenden Schulbusses durchbrochen. Hätte er seine schwarzen Schwingen ausgebreitet. Hätte sich unter ihm die Erde aufgetan, hätte ich dort das Höllenfeuer lodern sehen. Ich lebe noch, weil ich blind war. Ich bin 50, und jetzt spielt nebenan jemand sehr zögerlich, tastend und falsch „Wochenend und Sonnenschein“ auf dem Klavier.

 

Robin Detje

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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