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Ein paar Gedankentakte lang glaubte ich tatsächlich, dass der unerbittliche Tod 55 Jahre lang einen respektvollen Bogen um mich geschlagen hätte. Wie hatte ich nur den zehn Jahre dauernden Kampf meiner Mutter gegen den Krebs vergessen können, den ich nach über dreißig Jahren immer noch nicht wirklich verkraftet habe?

Im Sommer ’82 saß ich das letzte Mal an ihrem Bett im Klinikum. Alleine. Ich hielt ihre Hand, empfand aber keine Zuneigung, keine Wärme für sie. Sie sagte: „Martin, ich hätte dir mehr Zärtlichkeit geben sollen.“ Ich antwortete: „Ja“, verschwieg aber, dass es mir schon geholfen hätte, wenn sie auf die gar nicht so seltenen, brutalen Schläge gegen ein ihrer Zuwendung bedürftiges Kleinkind verzichtet hätte.

Sie sagte: „Martin, ich habe dich ganz besonders geliebt.“ Ich schwieg und fügte später im inneren Dialog hinzu: ‚Normal geliebt’ wäre mir lieber gewesen.

Meine Mutter war kein schlechter Mensch. Sie fühlte sich oft sterbenseinsam und von drei Kindern überfordert. Im Herbst ’72 brach ihr beim Spazierengehen überraschend ein Oberschenkelknochen. Diagnose: Knochenkrebs. Bestrahlungen, Chemotherapie, chirurgische Eingriffe und allerlei weitere Behandlungen folgten. Die Krankenhausaufenthalte verlängerten sich von Jahr zu Jahr und immer mehr zerstörte Körperteile wurden ihr abgeschnitten. Am Ende musste eine halbwegs wache und schmerzarme Stunde als Therapieziel reichen. Irgendwann wurde jedem klar, dass meine Mutter niemals wieder gesund werden würde.

Für meine Schwestern und mich ist meine Mutter nicht an jenem Tag im Totenschein gestorben , sondern Dutzende Male zuvor – Stück für Stück. Getrauert habe ich um sie in all den seither verstrichenen Jahren nicht. Es ging nicht. Weder im Alkoholrausch noch als einsamer Obdachloser im nächtlichen Park noch total erschöpft am Ende eines Marathonlaufes.

Nur einmal habe ich um meine Mutter geweint. Damals hatte sie den point of no return längst überschritten. Unerwartet begann sie, sich für etwas anderes zu interessieren als ihr eigenes Leid und das tatsächliche oder vermeintliche Versagen meines Vaters. Ich sah meine Mutter Fotobände über die Inkas und Majas durchblättern und dabei zeigte sich auf ihrem Gesicht eine gewisse Zufriedenheit, eine beginnende Aussöhnung mit sich und ihrem Schicksal.

Ich bedauerte, dass meine Mutter diesen Entwicklungsschritt nicht früher bewältigen konnte. Vielleicht hätte sie dann eine bessere Chance gegen den Krebs gehabt. Wir Kranken sind nicht Schuld an unseren Erkrankungen. Ich weiß beispielsweise nicht, was die Kriegszeit und die nachfolgenden Hungerjahre einem jungen Mädchen zugemutet haben. Doch bleibt uns keine Wahl, als unser Leben, wie schwierig es auch sein mag, anzunehmen und Verantwortung für unser eigenes Denken und Handeln zu übernehmen.

 

Martin Kobe

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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