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Das Klingeln an der Tür war wegen der lauten Musik kaum zu hören. Die vielen kleinen Lockenwickler kitzelten meine Kopfhaut und beanspruchten meine gesamte Konzentration. Nach dem leisen Surren der Anlage hörte ich gleich eure Schritte schlaff an mich herantreten. Von mir gab es eine überschwängliche Umarmung, gefolgt von einem Alaaf! Konfetti flog durch die Luft. Mein Make-up sei noch nicht fertig, sagte ich, der erste Gast schon da. Ob ihr etwas trinken wolltet, fragte ich, ob ihr euch setzen möchtet, denn ich musste ja noch mal ins Bad, zeigte auf meine Lockenwickler. Das ist keine Partystimmung, dachte ich, als ich in eure Gesichter sah. Und das könnten wir doch wohl auch noch morgen besprechen, als eure Augen mir eine traurige Nachricht anzudeuten versuchten. Och nö, nicht heute …, als ich merkte, dass es nicht warten konnte.

Ich musste lachen, als du sagtest, er sei tot. Ein makaberer Scherz, wie ich fand; selbst für dich. Ach komm, so ein Schmuh!, als es hieß, er hätte sich vor wenigen Stunden die 45er an die Brust gehalten. Er doch nicht! Als ich in Windeseile alle Erinnerungen aufrief und alles, was seine Meinung zum Freitod anging. Nur Feiglinge, dröhnte seine Stimme tief in meinem Kopf, nur Feiglinge lassen ihre Familien allein. Das hatte er mir gesagt, nein, so hatte er mich erzogen! Es war eine Frage der Ehre, seine Familie nicht allein zu lassen. Das würde er nicht tun. Nein. Das hat er nicht getan.

Dann ging alles ganz schnell. Das Lachen, die Tränen, die Wut. Arschloch! So ein verdammtes Arschloch! Nein … Haha! Nicht er. Unmöglich. Jeden Annäherungsversuch wehrte ich ab, fass mich nicht an! Ich hörte nur noch undefiniertes Rauschen, ein Pochen, mein Herz? Der Raum drehte sich. Nein. Ich drehte mich. Nein. Alles drehte sich. Nur Feiglinge reißen sich aus dem Leben, nur Feiglinge hauen ab! Das waren immer seine Worte gewesen. Und ich nahm diese Menschen immer in Schutz; sie würden doch ihre Gründe haben, so etwas macht niemand aus Gehässigkeit, das ist Leid! Nein, das ist feige! Das hat er mir doch immer gesagt, mich in Sicherheit gewogen, mich verarscht. Dieses Arschloch! Dieses verdammte Arschloch! Er hat versprochen, mich nie allein zu lassen! Hat gelogen! Also lasst mich alle allein! Geht weg!

Ich habe euch nicht mehr zugehört. Es war mir egal. Ich wollte kotzen, lachen, weglaufen. Aber wohin? Ich wollte atmen. Ich musste atmen. Also lachte ich, um Luft zu bekommen und schrie und schimpfte und flüsterte, es solle niemand erfahren. Bitte, niemandem erzählen. Jetzt geht, geht endlich weg. Lasst mich. Ich lasse mir diesen Tag nicht kaputt machen. Es ist mir egal. Ich kann alleine sein. Geht einfach weg.

Mir geht es gut. Das ist nur eine weitere Schelle des Lebens. Und eine weitere Schelle von ihm. Seine Entscheidung, meine Entscheidung. Mir egal. Ich bin stark. Es ist nicht das erste Mal, dass er mich verlässt. Er war nie wirklich da. Jetzt ist er wieder weg. Für immer. Ging fort. Und ich ging tanzen.

Alles gut, nichts passiert, versicherte ich den Gästen. Wo kamen sie plötzlich alle her? Wir können los, wir gehen jetzt zur Party. Und ich lachte und versuchte nicht zu denken und atmete und mein Lächeln fror ein. Ein Lächeln unter bunter Schminke in der Dunkelheit. Niemand kann mich sehen, niemand kann mich fühlen. Niemand merkt, was in mir vorgeht und ich lächelte und blödelte und witzelte.

Irgendwann war ich nicht mehr nüchtern. Der umgebaute Stall roch nach verschüttetem Bier, eine Prinzessin und ein Indianer küssten sich, Elvis ging auf einen Hasen los. Der Realität so fern. Von der Wahrheit und der Welt abgekapselt, wie in einem luziden Traum. Ich stand still und verlor mich mit den Augen in der Masse, als wäre ich kein Teil davon, ein stiller Beobachter, gefangen in seinem Kopf. Ein Cowboy riss mich aus meiner Lethargie, schubste meine Synapsen ins Hier und Jetzt, kotzte mich aus in die kalte Welt: peng, peng! Ich riss die Augen auf, erschrak.

Während er mit seinem Plastikrevolver auf meine Brust zielte, starb ich in diesem Moment, nur wenige Stunden später, mit dir, entfernte mich weiter von der Welt und bin bis heute nicht mehr da.

 

Jessica Mancuso

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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