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Ungefragt hatte man mir mein Todesdatum genannt. Es lag weit in der Zukunft, 40 Jahre noch fern, ich würde dann 72 sein. Ich wich zurück vor diesen Worten. Die verbleibende Zeitspanne schien mir zwar groß, aber auch erschreckend ermesslich.

Ich herrschte die Verkünder an: Was fällt euch ein, mir das mitzuteilen? Was soll ich nun damit anfangen? Wollt ihr mich quälen, was wollt ihr, dass ich jetzt tue? Sie drehten sich aber schon weg in ihren Roben, lächelten nur flüchtig noch in meine Richtung und ließen mich gründlich allein. Ich ging auf die Straße hinaus und wusste nicht, wohin mich wenden. Leute kamen mir entgegen, ich verachtete sie sofort für ihre Naivität. Wie konnten sie so sorglos sein, so alltagsbefangen angesichts ihres künftigen Todes? Sie kamen mir vor wie Kinder. Die 80-Jährigen aber hasste ich: Hatten sie nicht unrechtmäßig jetzt schon mehr Zeit zur Verfügung gehabt, als ich je haben würde, und würde nicht in 40 Jahren die Lebenserwartung noch viel höher liegen? Womit hatten diese griesgrämigen faltigen Gesichter ihren Zeitvorsprung verdient? Warum sollte ich früher sterben als sie? Meine Todesursache hatte man mir nicht mitgeteilt. Endlich kam mir eine aufrührerische Idee: Ich konnte Widerstand gegen das Urteil leisten, indem ich meinen Tod selbst in die Hand nahm. Ich konnte, wenn schon nicht länger leben, so doch vor dem genannten Datum meinen Tod selbst bewirken. Wenn ich mich jetzt auf der Stelle umbrächte, hätte ich ihre Weissagung um Jahrzehnte widerlegt. Ich tat es sofort, ohne Zögern, indem ich mich heftig auf die Straße warf. Im Ableben sah ich sie aus ihren Schießscharten lächeln.

 

Maja Rettig

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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