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Im Museum. Das Tödlein liegt ausgestreckt in seinem schwarz-weißen Sarg. Aufgebahrt und von allen Seiten einsehbar. Auf dass man gute Sicht hat auf das schreckliche Schauspiel in seinem Innern. Da, seht doch nur, die Würmer. Sie tummeln sich im offenen Bauch der kleinen Elfenbeinfigur. Wo einst das Herz war, sitzt eine fette Fliege. Ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich staune. Kunst? Memento mori! Bedenke, dass du sterblich bist. Früher dachten die Menschen ständig daran. Mit möglichst realistischen Bildern vom Sterben stellten sie sich der Angst vor dem Tod. Konfrontationstherapie würde man das heute nennen, oder?

Ich habe Angst vor dem Tod. Hat doch jeder! Und meistens gelingt es mir, den Gedanken daran fest verschnürt in die hinterste Ecke meines Kopfes zu stecken. Ist doch nur gesund. Warum sich ins Bockshorn jagen lassen, wenn es noch so fern ist?

Und dann – BÄMM! – geschieht es eines Tages, dass du nicht mehr so einfach davonkommst. Dein Vater liegt im Sterben und das unausweichliche Ende greift dich an. Du sitzt an seinem Bett und kannst nur eins: Abschied nehmen. Wie macht man das, wenn es kein „Wir sehen uns zu Ostern“ oder „Ich rufe später noch mal durch …“ mehr gibt? Wenn es ein endgültiger Abschied ist? Keine Ahnung, das habe ich nicht gelernt, verdammt noch mal!

Religion. Ja, jetzt wäre es gut, wenn man glauben könnte. An ein Jenseits, an ein wie auch immer geartetes Weiterleben oder Existieren. Meinetwegen auch in einem anderen Aggregatzustand. Dieses Nichts-Ding ist ein fieses Schreckgespenst.

Mein Vater liegt im Sterben und vollbringt eine Meisterleistung. Nichts von Panik und Verzweiflung. Einfach nur traurig ist er. Aber tapfer und gefasst. Diszipliniert irgendwie! Ich muss an einen Ausdauersportler denken. Einfach weiterlaufen, auch wenn man nicht mehr kann. Passt auch, denn er war ein Läufer – Laufen, das haben wir früher gerne zusammen gemacht.

Dann kommt das Ende. Erwartet und doch so plötzlich. Die Trauer kriegt eine neue Dimension. Er ist nicht mehr da. Spontan und irgendwie ferngesteuert breche ich auf und laufe durch den Stadtwald zu unserer alten Wohnung. A Sentimental Journey … ich suche nach Erinnerungen wie nach Begegnungen. Und nach Möglichkeiten, das Endgültige zu überwinden.

In dem Herbst, als mein Vater stirbt, zeigt die Natur ein unvergleichliches Farbenspiel. Fast jeden Abend liefert sie ein Sonnenuntergangsspektakel der Extraklasse. Ein Todesgeleit wie für ihn, den Naturfreund, gemacht. Dramatisch schön. Das sehe ich jedes Jahr wieder. Ohne Ende.

 

Anke von Heyl

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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