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Am Tag nach seiner problemlosen Geburt wird unser Sohn F ins Kinderspital überwiesen. Es dürfte Fruchtwasser in die Lunge gekommen sein, das behindert den Sauerstoffaustausch, macht Probleme beim Atmen und Trinken. Sauerstoffzugabe. Kommt vor.

 

Tag 6

Plötzliche Atemschwäche, F wird blau und schlaff, kritisch, sofort Sauerstoffglocke. Der schnelle Verfall und die Druckempfindlichkeit der Fontanella deuten auf eine Gehirnblutung hin. Abends geht es F sehr schlecht, er muss künstlich beatmet werden. Die strahlend blaugrauen Augen öffnen und schließen sich mit jedem Beatmungsstoss und diese Bewegungen machen daraus müde, unendlich traurige Blicke, die wir zugeworfen bekommen, die durch uns hindurchsehen, als wollten sie den Weg durchs Universum bis an dessen Ende erkunden. Wieder zu Hause: ja, Gehirnblutung.

 

Tag 7

Frühmorgens machen uns die Nachrichten zu bloßen Zuhörern, die nicht mehr wissen, was sie hoffen dürfen. Künstliche Beatmung, Spezialisten diskutieren, zu Mittag kommt F in die Intensivstation einer Spezialklinik. Dort findet Dr. M den Zustand vorerst nicht ganz so schlimm, die EEGs allerdings sehr schlecht. F liegt schlaff im Respirator, die Augen eingefallen. Beklemmend. Jetzt sehen wir, was Verfall wirklich bedeutet. Am Abend informiert uns Dr. M, dass Fs Lunge etwas schwächer ausgebildet ist, als es seinem sonstigen Entwicklungszustand entspricht. Deshalb ist eine gute Durchblutung nur über hohe Sauerstoffzugabe aufrechtzuerhalten. Das regt aber den Kreislauf an und verstärkt die Neigung zu Blutungen. Ein Teufelskreis.

 

Tag 8

Am Nachmittag fahren wir unangekündigt in die Klinik. F war bei der CT, um die Blutungen genau lokalisieren zu können. Das EEG ist heute besser, die Blutwerte haben sich normalisiert, die Lunge hat sich erholt, erstmals sieht man wieder Eigenatmung, sodass auch der Respirator etwas zurückgedreht werden konnte. Sonst allerdings wenig Hoffnung, die Herzfrequenz ist zurückgegangen, F zeigt keinerlei Aktivität. Dr. M ist unsicher. Waren wir gestern noch Zuhörer, die über Hoffnungen nachdenken durften, sind wir jetzt Zuseher, die sich darüber Gedanken machen müssen, was sie hoffen sollen.

 

Tag 9

Zu Mittag ruft Dr. M an: Die CT zeigt mehrere zentrale Blutungen, vor allem aber sind EEG, Lungenfunktion und Allgemeinzustand wieder wesentlich schlechter. Der Respirator sollte abgeschaltet werden. Da wir vorher noch von F Abschied nehmen wollen, der Dienstwechsel aber schon längst überfällig ist, wird Dr. K von Dr. M darüber instruiert, auf uns zu warten. Wir mögen in einer halben Stunde nochmals anrufen. Jetzt belehrt mich Dr. K: Hier gelten rein medizinische Kriterien, ein aktives Abschalten des Respirators kommt nicht in Frage. Mir fehlen die Worte, von Argumenten ganz zu schweigen. Schließlich bringe ich heraus, was ich mir noch Augenblicke davor nie vorstellen hätte können – unseren Sohn bitte sterben zu lassen. Nein. Spätabends ruft Dr. K selbst an, F wird in der nächsten halben Stunde sterben. Dazu die Empfehlung, nicht zu kommen, der Anblick eines sterbenden Kindes sei nicht schön. Als wir ankommen, ist F schon tot. Sein fein gezeichnetes Gesichtchen ist uns zugeneigt, wirkt erlöst, strahlt Ruhe aus. Wir streicheln über seine zarte, noch warme Haut. Fs Körper zeigt nichts mehr von der tristen Leblosigkeit der letzten Tage. Da liegt einfach ein süßes Kind.

Unser Sohn hat die Reise ans Ende des Universums in neun Tagen zurückgelegt. Nicht auszudenken, was er alles erlebt, entdeckt und erdacht hätte, wären ihm dafür ein paar Jahrzehnte gegönnt gewesen.

 

Leopold Faltin

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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