214

 

Mittwoch, 25. Oktober

Als sie vom Büro auf die Straße traten, war alles erstarrt. Geradezu eingefroren. Nur wenige Minuten nach jenem Anruf schien die Welt still zu stehen. Die Fahrzeuge, die an Flo und ihrer Kollegin vorbeifuhren, kamen ihr vor wie angehaltene Spielzeugautos einer Carrerabahn. Irgendwer musste vergessen haben, auf die Fernsteuerung zu drücken. Auch die Menschen, denen die beiden Frauen begegneten, kamen Flo vor wie stehen gebliebene Aufziehfiguren. Selbst die Herbstsonne, die sich ihren Weg durch die Straßenschluchten bahnte, mutete wie ein gedimmter Scheinwerfer an.

Flo hatte die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, in der rechten hielt sie ihr Handy immer noch fest umklammert. In ihr war noch die vage Hoffnung, dass es klingeln würde. Dass sich alles als schlechter Witz herausstellen würde. Dass ein weiterer Anruf die Welt von einem bösen Zauber befreien würde. Dass alles wieder gut werden würde.

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Sie kamen an einem Café vorbei. „Wollen wir noch weiter spazieren gehen oder willst du da rein?“, fragte die Kollegin: Ihre Stimme klang wie Lichtjahre entfernt.

Flo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“

„Dann lass uns noch weiter spazieren gehen.“ Die Kollegin hakte sich bei Flo ein und streichelte ihren Unterarm.

Flos Kopf spulte die Erinnerung an die fahrige Stimme ihrer Tante auf dem Handy zurück. Wie ein unaufhörlicher Regen waren deren Worte auf sie herabgeprasselt. Es tut mir so leid, Florentine. Es tut mir so leid. Wieder und immer wieder. Irgendwann hatte Flo das Gespräch einfach beenden müssen. Als die Kollegin ihr dann anboten hatte, an die frische Luft zu gehen, hatte sie den Vorschlag dankbar angenommen. Sie hatte rausgemusst, raus aus dem Raum, in dem sie fast den Boden unter den Füßen verloren hatte.

 

Dienstag, 24. Oktober

Als sein Handy klingelte, glitten die Strahlen der Abendsonne vom Tage ermattet über die Dächer der Stadt, liebkosten diese noch ein letztes Mal vor der nahenden Dunkelheit. Er legte das Nylonseil, das vor ihm auf dem Tisch lag, zur Seite und sah auf das Display, hielt kurz inne, ließ es dann aber klingeln. Als es verstummt war, schaltete er das Mobiltelefon ab, zog seine Armbanduhr aus, legte sie akkurat auf das Sideboard. Dann schrieb er eine kurze Notiz. Eine Nachricht an seine Freunde, an seine Geschwister, an Florentine. Verzeiht mir.

Er ahnte nicht, dass sein bester Freund kurze Zeit später mit dem Fahrrad am Haus vorbeifahren und sich über das schief parkende Auto wundern sollte. Er wusste nichts von der unbestimmten Ahnung seines Freundes, mit der dieser gerade rang und die er schließlich beiseite schieben würde. Und er ahnte auch nichts von dem Telefonat zwischen dem Freund und einer gemeinsamen Freundin am nächsten Morgen.

„Weißt du, dass ich letzte Nacht so merkwürdig von ihm geträumt habe?“, würde die Freundin fragen und dann davon erzählen, wie er im Traum an einem Fallschirm in ihrem Zimmer gehangen hatte. Und wie er ihr schließlich direkt vor die Füße gefallen war.

 

Julia Christ

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.