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Ich suche ihn und ich fürchte mich vor ihm. Sehne ihn herbei und hasse ihn. Mein Schatten ist er. Meine Schuld. Mein Fluch. Das Rätsel und seine Lösung. Wo ich aufhöre, da beginnt er. Mein Tod ist mein Zwilling. Ich sehe meinen dunklen Doppelgänger im Traum und ich begegne ihm beim Schreiben. Einmal, in einer Geschichte, es war die vielleicht wichtigste Begegnung zwischen uns, da trat mein Schattenbruder unerwartet aus dem Dunkel heraus. Nichts trug er am Leib, nackt stand er vor mir in der Kälte. Eine Brücke war es, auf der wir standen. Nie werde ich den schmerzvollen Ausdruck in seinen Augen vergessen, wie er mich ansah, als sei alles vergeblich, als könne er keinen Schritt mehr weiter. Es war schwer zu ertragen, ihn so leiden zu sehen und zu wissen, dass man selbst die Ursache war. Mitleid hatte ich, zugleich aber stieß er mich ab. Selten hatte ich so tiefen Ekel empfunden. Einerseits war mir, als stünde ich vor meinem engsten Vertrauten im Lebenskampf, andererseits hatte ich einen Feind vor mir. Lange standen wir uns gegenüber auf dieser Brücke mitten in einer Geschichte, bis er schließlich zu sprechen begann. Er habe ja alles versucht, sagte er, täglich habe er sich unzählige Male wiederholt, allein ich hätte ihn immer wieder ignoriert, gehofft habe er, dass ich auf ihn einginge, durch ihn hindurch ginge eines Tages, es sei so notwendig für mich, seine Landschaften kennenzulernen, seine Ozeane, die Bilder zu sehen, die nur für mich gemalt wurden, die Gräser der Nacht, denn in seiner Nacht seien Gräser etwas anderes, verstehen hätte ich sollen, wie die Dinge erscheinen, wenn es das Denken nicht mehr gibt, all das könnte er mir zeigen vor der Zeit. Er sei müde vom ständigen Bitten und werde zwar damit fortfahren, das ja, schließlich könne er gar nicht anders, das sei ja seine Pflicht, er müsse mich aber warnen und erinnern, immerzu und mit nicht nachlassender Energie; allein, seinen anfänglichen Glauben daran, von mir erhört zu werden, den pflege er nicht mehr. So seltsame Worte sprach mein dunkler Bruder. Und wie sie mich aufwühlten! Ich wusste nicht, was zu tun war, so tief war die Kluft zwischen uns beiden. Während ich einen Schritt auf ihn zutrat, sagte ich schließlich: „Wir müssen uns versöhnen, wir müssen uns endlich versöhnen.“ Da ging auch er einen Schritt auf mich zu. So näherten wir uns zaghaft, Schritt für Schritt. Und als wir uns ganz nah waren, breitete jeder von uns seine Arme aus. Und wir umarmten uns. Plötzlich aber spürte ich seine kalten Lippen auf meinen warmen, was mich denken ließ: „Er küsst mich, nun ist alles gerettet, verloren, gerettet.“ Und sein Flüstern wurde hörbar in mir: „Wenn du weißt, dass dich niemand mehr liebt, wirst du vor dem Spiegel stehend deinen Blick heben und mir in die Augen sehen. Wir werden uns wiedersehen.“ Dann Stille. Verständlich, dass die Geschichte einfach abbricht. Danach ist alles Dunkelheit, die mich zu Ende erzählen wird.

 

Sami Kuci

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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