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Wie selbstsüchtig kann man sein, wie egoistisch, wie gedankenlos?

Die Enkel haben der Großmutter versprochen, am Wochenende deren Essecke zu tapezieren. Das ist nicht viel Arbeit: auf der einen Seite ist das Fenster, rechts und links sind die Türen zu Flur und Küche, zum Wohnzimmer hin ist offen.

Am Freitagvormittag kann Oma es nicht mehr lassen und fängt an, die alten Tapeten herunterzureißen. Das ist wohl zu anstrengend, sie bekommt einen Herzinfarkt und wird ins nächstgelegene Provinzkrankenhaus eingeliefert.

Abends kommt die Enkelin vom Ausbildungsort zurück. Am darauffolgenden Tag tapeziert sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin. Die Stimmung ist gedrückt, aber es muss nun ja gemacht werden. Ins Krankenhaus fahren erst einmal nur die Eltern mit dem Großvater. Alles ist gut, heißt es. Eine Operation ist nicht nötig, heißt es. Ebensowenig eine Verlegung ins nahe Kreiskrankenhaus. Alles ist gut.

Den Sonntag möchte die Enkelin mit ihrem Freund verbringen. Sie sieht ihn ohnehin selten genug. Ihre Mutter bittet sie, auf dem Weg bei der Großmutter im Krankenhaus vorbeizuschauen. Bei Omi, ihrer heiß geliebten Lieblingsoma. Aber sie ist 20 und will so schnell wie möglich zu ihrem Freund. Als die Mutter nicht aufhört, sie zu drängen, gibt sie schließlich nach und besucht ihre Großmutter eine Viertelstunde lang. Den restlichen Sonntag verbringt sie mit ihrem Freund, der sie abends an den Bahnhof bringt. Schon wieder ist das Wochenende vorbei und sie muss zurück in ihr kleines Zimmer zur Untermiete. Beim Abschied kämpft sie mit den Tränen, wie immer.

Am Montagnachmittag klopft es an der Tür, die Vermieterin holt sie ans Telefon. Die Mutter ist dran. Omi ist gestorben.

Nichts ist gut. Das schlechte Gewissen verfolgt sie bis heute, ebenso wie völliges Unverständnis für ihren Starrsinn, ihre Unlust. Groß, sehr groß ist die Dankbarkeit, dass die Mutter nicht nachgegeben hat.

 

Daniela Dreuth

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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