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Nur noch wenige Wochen, hieß es. Vielleicht Tage. Mir passte das gar nicht. Diese Woche war voll. Wie sollte ich da einen Abschied dazwischen schieben? Und wollte ich dies überhaupt?

Meine Oma lag im Sterben. Und wie oft bei ihr gestaltete sich der Vorgang höchst ambivalent. Ihre Lebensgeister waren am Ende, doch wollte sie nicht loslassen. Sie krallte sich an einem Leben fest, das sie, ihren eigenen Worten zufolge, hasste. Typisch. Und nach all den Jahren, in denen damit ständig zu rechnen war, kam ihr Todeskampf jetzt doch unerwartet.

Ich checkte meinen Kalender und terminierte den Abschied auf Mittwoch. So hatte ich Zeit genug, am Tag zuvor noch einige andere Dinge zu regeln. Ich wollte den Kopf frei bekommen. Schließlich ist das eine belastende Sache, so sagt man doch. Der Tod, das Sterben. Und das ganze Drumherum. Ich machte einen Plan. Mehr konnte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht tun.

Unruhe überfiel mich in der Nacht. Ein unbekanntes Gefühl hielt mich wach und ließ mich an meine Oma denken. Es duldete keinen Aufschub. Mittwoch könnte es zu spät sein, teilte mir die unbestimmte Empfindung unmissverständlich mit. Ich beschloss, meiner Intuition zu trauen und bereits am Dienstag meinen Weg in die Klinik in Hamburg anzutreten. Ich hasse es, wenn Pläne nicht funktionieren.

Meine Oma lag in einem engen Dreibettzimmer. Auf einer Abnippelstation. Das war das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich die Räumlichkeiten betrat. Drei alte Frauen nebeneinander aufgereiht und röchelnd. Nicht ansprechbar. Zwei Krankenschwestern liefen hurtig ein und aus, besorgten frische Wäsche, entsorgten die alte und prüften zwischendurch Schläuche und Lebensfunktionen. Die Kakophonie der elektrischen Kontrollgeräte bereicherten sie durch Geplapper am Telefon, das ständig läutete. Alles dienstlich. Alles beflissen. Für sie der Alltag.

Ich trat ans Fenster, denn meine Oma war die Letzte in der Reihe. Sie war zu einem Bündel zusammen geschrumpft, zahnlos, fast haarlos und nicht bei Bewusstsein. Über einen langen Zeitraum hatten wir uns nicht gesehen, hatte ich es, wenn ich ehrlich bin, vermieden. Ich rückte einen Stuhl heran und setzte mich. Dann nahm ich ihre Hand, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich strich ihr eine Strähne aus der Stirn.

Sie rang mit dem Mund nach Luft wie eine Ertrinkende. Immer und immer wieder. Unaufhörlich. Dabei hatte sie einen Schlauch an ihrer Nase, der sie zuverlässig mit Sauerstoff versorgte. Typisch. Alles wollte sie selber machen, sich nur nicht helfen lassen. So wie sie auch sonst – ihr Leben lang? – beinahe jede Unterstützung von außen grob abgewiesen hatte. Einen jeden von sich stieß, keine Nähe ertrug.

Ich wartete, während meine Hand fast automatisch ihre Schläfen streichelte. Es schien sie zu beruhigen. Selten hatte ich sie so schön gefunden. Hätte ich traurig sein sollen? Ich horchte in mich hinein. Doch was ich dort spürte, war etwas anderes. Es war Wut. Ich war, gelinde gesprochen, stocksauer. Äußerlich war ich meiner Oma zwar ähnlich wie ein Zwilling, aber an ihrem geistigen Erbe hatte meine Familie schwer zu tragen.

Zwei Kriege hatte diese zähe Person überstanden. Den ersten als Kind. Den zweiten, nun, wann immer dieser später zur Sprache kam, gab es Streit. Deswegen sprach man irgendwann nicht mehr darüber. Und schwieg. Nach dem Krieg ihre Flucht von Ost nach West. Und erneut alles verloren. Auch die schwarz-weiß-rote Flagge, die sie treu zwischen ihrer Unterwäsche aufbewahrt hatte.

Lächeln musste ich, als ich plötzlich daran dachte, wie sie oft mit ihren gewitzten blauen Augen von der List erzählt hatte, mit der sie im Nachkriegsdeutschland auf dem Schwarzmarkt ihre Geschäfte machte. Und so den kleinen Sohn, meinen Vater, irgendwie durchbrachte. Oder wie sie dem Grenzbeamten der DDR tränenreichen Quark auftischte, bis dieser ihr mitfühlend eine Zigarette anbot. Hatte sie damals schon angefangen, Kette zu rauchen? Erst mit 75 ließ sie es sein. Dann aber mit aller Konsequenz. Typisch.

Typisch auch, wie sehr sie später an ihrem Führerschein hing, einem Stück persönlicher Freiheit, die sie schließlich durch eine aufgedeckte Fahrerflucht verlor. Mit 93. Sie hatte im Dunkeln einige Autos angefahren und schwer beschädigt. Dachte, es merke vielleicht keiner. Vielleicht hatte sie es selbst auch nicht bemerkt. Wer weiß das schon.

„Sind Sie eine Verwandte?“, fragte eine Stimme. „Ja, die Enkelin“, sagte ich. Es war eine der Schwestern. Sie hatte neben uns Aufstellung genommen und betrachtete uns nun neugierig. „Sieh nur, die Frau Klepp ist ganz entspannt. Das tut ihr wohl gut“, sagte sie zu einer Kollegin. „Natürlich tut es das“, sagte ich. Es kam mir jetzt selbstverständlich vor, wie ich sie hielt, ihre faltige Hand, und ihr über das schlohweiße Haar strich.

Es ist in Ordnung, sagte ich zu meiner Oma in Gedanken. Du kannst jetzt loslassen. Hast du mir nicht gesagt, der Tod mache dir eigentlich keine Angst, nur das Sterben?

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie eine Welle der Trauer über mir zusammenklappte. Endlich konnte ich weinen. Und ich weinte um vieles. Um die Verluste, die sie erlitten hatte, um die Kämpfe, die wir in der Familie auszutragen hatten. Auch um die Oma, die ich gern gehabt hätte, die aber unter all ihren Mauern nur selten zu spüren gewesen war.

Zwei Stunden war ich insgesamt bei ihr, dann war alles zwischen uns gesagt. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich glaubte, eine Bewegung zu spüren. Wie sie sich an mich drückte mit letzter Kraft. Ich verzeihe dir – das waren die letzten Worte, die mir in den Sinn flatterten. Anschließend ließ ich sie allein. Noch in dieser Nacht verstarb meine Oma im Alter von 101 Jahren.

 

Edda Klepp

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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