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Ein Weg, alt wie die schroffen Felsen, die ihn ummauern. Kein Blick, weder nach rechts noch links verrät den Ausweg aus diesem sandfarbenen Labyrinth, welches kein Labyrinth ist. Ein Gebirge, irgendwo. Ohne Karte ging er los, dorthin wo nie jemand gewesen ist. Teils aus Neugier, teils aus Lebensunwillen und Trauer. Alles hinter sich lassen. Nie wieder umkehren und vielleicht nie wieder sein.

Als noch Stollenausgänge, Schienen und verrostete Loren die Felswand und den Weg schmückten, hat er sich wohler gefühlt. Die Überreste der Minen ließen zumindest erahnen, dass dieser Landstrich einmal bewirtschaftet worden war. Und auch wenn man die letzten Bergmänner schon vor Ewigkeiten begraben hatte, belebten sie die Landschaft mit Erinnerungen. Hinter den Minen ist unerforschtes Land. Nur Legenden geben Auskunft über diesen Ort. Nie wagte sich ein Mensch über die Grenze. Nie konnte ein Mensch die Grenze überschreiten. Die Luft ist giftig und würde jeden binnen Sekunden töten. Aber nicht ihn. Nicht solange ihn das Feld umgibt, welches ihm die Hexenfrau auferlegt hat. Der Preis dafür war sein Sohn gewesen.

So wandert er nun seit einem Jahr. Ein Jahr ohne Verpflegung, Gesellschaft und Ziel. Nur der Weg und er und seine Gedanken. Alles wegen des Feldes. Man sieht es nicht, aber es ist da und hält ihn am Leben. Obwohl ihm die Hexenfrau den einzigen Sohn nahm, ist er ihrem Rat gefolgt und hat diese Reise angetreten. Unwichtig, ob und wozu sie ihn benutzt. Die versprochene Erlösung ist alles, was zählt. Die Erlösung von seinen Gedanken und seiner Fantasie, die einst hell strahlend waren, dann verkamen und schwarz wurden. Heute findet sich, wo Ideen und schöne Dinge geboren werden sollten, nur noch Nährboden für zerstörende Trauer.

Zwei durch eine Tür getrennte Räume in seinem Kopf bilden das verfluchte Trauersystem. In dem einen Raum die Erinnerungen an den Sohn. In dem anderen Raum eine Maschine. Eine Maschine, die Erinnerungen frisst und nichts als Leere, unausweichliche Gewissheit und einen Kloß im Hals zurücklässt. Ach, wie er sich wünscht, der erste Raum wäre leer. Manchmal, und das sind die angenehmen Augenblicke, verstopft die Tür dank der strömenden Flut an Gedanken. In diesen Momenten befindet sich die Maschine in Raum Nummer zwei im Leerlauf und lässt ihn in Ruhe. Lieber keinen klaren Gedanken als dieses verdammte Ding die Erinnerungen an seinen Sohn fressen zu lassen.

Ein Jahr vergeht.

Er ist noch immer. Seine Gedanken weichen der Leere und er vergisst, warum er geht. Er denkt nicht darüber nach, warum er geht, geht einfach. Die Landschaft hat sich von ihm unbemerkt verändert. Die Felsen sind verschwunden und die Tage wurden nun gänzlich von der Nacht abgelöst. Aufgrund der Dunkelheit sieht er den Weg schon seit einiger Zeit nicht mehr. Aber wozu auch? Ein leerer gerader Weg stellt nach einem zweijährigen Marsch keine Schwierigkeit mehr dar. Auch ein Kopf wird nicht mehr gebraucht, damit die Beine ihren Weg fortsetzen. Und sie tun es. Unerbittlich gehen sie weiter. Ohne Schlaf kommt er schneller vorwärts.

Ein Jahr vergeht.

Er ist noch immer. Die Leere weicht Anflügen von Gedanken und ein Licht erscheint. Schwach und nur für ihn wahrnehmbar, der er nun seit fast zwei Jahren in Dunkelheit gewesen ist. Mit der Zeit wächst es und er kann sich erinnern. Es wächst schneller und seine Fantasie und die Gedanken kehren zurück. Gute Gefühle kehren zurück, so intensiv wie ein Tropfen Blut auf einem leeren Blatt Papier.

 

Erik Liermann

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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