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„Von ihr stieg ein Geruch auf, ein magischer Geruch nach Meer, nach ganz junger Wolllust“, schildert der Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Begegnung seines Protagonisten mit einer Sirene.

Sirenen. Lange Zeit brachten sie mit schrillen Stimmen den Männern den Tod. In Homers Odyssee hausten sie einst auf blumigen Inseln, umgeben von Schädeln und „moderndem Fleisch der Männer“. Groteske Mischwesen, halb Mensch, halb Vogel, mit Bart und Brüsten, Krallen und Federn – in ihrem gesamten Wesen symbolisierten Sirenen das Schemenhafte, das Undefinierbare, waren Zwitterwesen durch und durch.

Das Bild der männermordenden Furien, es brannte sich unserem kollektiven Abendlandsbewusstsein für lange Zeiten ein. Im Laufe unserer Kulturgeschichte, mit dem Aufkommen des Christentums wandelte sich jedoch dieses Bild.

Zuerst mussten sie Federn lassen. Sie wurden menschlicher. Genauer: Sie wurden weiblicher.

Das Animalische jedoch behielten die gewieften Kirchenväter bei.

Als Odysseus, der personifizierte Geist, dem Sirenengesang widerstand, siegte er über sie. Und somit auch über das „naturhafte“ Wesen der Frau, zu deren Projektionsfläche Sirenen durch Kirche & Co degradiert wurden. Eine Versöhnung zwischen Geist und Natur, so die Lesart, ist nur möglich durch weibliche Unterordnung. „Als Vogelfrauen hatten die Sirenen Männer vernichtet, als Meerweiber fielen sie ihnen zum Opfer,“ resümierte der Germanist und Mediävist Werner Wunderlich.

Mit der Betonung des Erotischen verblasste langsam das Bild der verstörenden, undefinierbaren, ja hässlichen Dämonin. Nun hieß es, Sirenen seien unmoralische Weibswesen, Sünderinnen par excellence, die sich dirnengleich ihrer Wolllust hingeben. Und damit sich selbst – und den Männern – Verderben bringen.

Verführerisch recken sie ihre Leiber entgegen. Verheißungsvoll glitzert ihr Fischschwanz in der Sonne. Schön anzusehen sind die Sirenen nun. Und sie sind stumm. Zahlreich in Prosa und Lyrik erfahren die Leser_innen sie als Liebesgespielinnen, als Projektionsfläche für erotische Phantasien.

Und doch – auch in diesen Sirenen-Erzählungen schwingt stets eine stille Sehnsucht mit: Dass sie wieder singen möge! „Sie ist das Flüstern“, schreibt der Autor Alfred Bennett, „das zu vernehmen alle Männer, ob bewusst oder unbewusst, herbeisehnen.“ Doch Singen bedeutet Sterben. Woher also diese Todessehnsucht? Sie spüren, dass die Sirene die Wahrheit kennt, Antworten hat auf Fragen wie: „Wer bin ich? Warum bin ich hier?“

„Ich bin alles, weil ich nur fließendes Leben bin, und nichts als das“, spricht die Sirene von Tomasi di Lampedusa es aus. „Ich bin unsterblich, weil aller Tod in mich einmündet, von dem des Stockfisches bis zu dem von Zeus; in mir vereinigt werden sie wieder zum Leben, das nicht mehr persönlich und begrenzt ist, sondern panisch und daher frei.“

Diese Erkenntnis, ja, sie bringt den Tod. Den Tod des alten „ich“, auf dass man(n) neu als Teil des Mysteriums namens „Lebe!“ entstehe.

 

Julia Herz-el Hanbli

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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