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Im nachmittäglichen Geschäftstrubel erreiche ich Egersund.
Ich stelle das vollbeladene Reiserad vor einem Café ab, kaufe Softeis, gehe hinein, um das iPhone zu laden. Am Tisch vor der einzigen Steckdose arbeitet ein Mann an seinem Notebook. Er trägt ein schwarzes T-Shirt. Auf dem Tisch liegt eine Baseballmütze mit der Aufschrift Jesus loves you. Er lächelt mich an und bedankt sich überschwänglich, als ich ihm mein iPhone reiche zum Einstöpseln. „Das wäre doch nicht nötig“, grinst er. Aus der Tasche kramt er vier alte Handys, legt sie auf den Tisch, erzählt seine Lebensgeschichte. An meinem Akzent identifiziert er mich als Deutschen. Er spreche Französisch, Englisch, Deutsch, Mandarin und Japanisch. Trotzdem redet er ohne Punkt und Komma englisch auf mich ein.
Ein fünftes Handy klingelt in seiner Brusttasche, er liest die SMS. Da stehe der Preis drin für die Gitarre, die er kaufen wolle. Trotz all dem Speed seiner Rede werde ich müde, sinke mit dem Kopf auf den Tisch. Ehe ich ganz einschlafe, kaufe ich am Tresen einen Kaffee. Das iPhone und der Zusatzakku hängen sicher hinterm Sitzplatz meines neuen Freunds. Wir schweigen.
Später erzählt er mir, dass er schon zwei Mal tot war. Zuerst Herzinfarkt. Als Folge auf die unweigerliche Blutverdünnungsbehandlung hatte er kurz darauf einen Schlaganfall. Ich muss an einen amerikanischen GI denken, den ich ein paar Wochen zuvor in Wheems auf den Orkneyinseln getroffen hatte. Auch er war schon mal tot gewesen. Die Medizin kann einen heutzutage manchmal wieder aufwecken. So auch meinen norwegischen Freund hier.
Auf dem Klo sei es passiert, plötzlich habe er seine linke Körperseite nicht mehr gespürt. Seine Beine seien taub geworden, und der Arm habe schlaff herunter gehangen. Und das allein im Haus. Das Handy wenige Meter entfernt im Flur. Mit der rechten Hand habe er sich festgehalten und erst einmal überlegt, wie er ans Handy komme. Er hatte nur eine Chance, er musste sich den Weg mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten zurechtdenken: ein geplanter Sturz in Richtung Rettung. Wie ein Trapezkünstler. Der Dreifachsalto rückwärts des nackten Überlebens. Nach fünf Minuten war die Ambulanz da, nach 39 Minuten wurde er in der Stroke-Unit des örtlichen Krankenhauses behandelt. Die Polizei sei mit Blaulicht vor dem Krankenwagen hergejagt. Seither glaube er an Gott. Seither hinke er auch, genau wie Jakob, der Vater Israels.

Nach einer Stunde verlasse ich das Café. Egersund ist ruhig geworden. Flaggen hängen vor den Häusern. Die Läden schließen gleich. In einem Supermarkt kaufe ich das Nötigste. An der Kasse liegt eine Zeitung, deren Titelblatt mit Herzkammerflimmern aufmacht. Diese seltsamen Fingerzeige des Nichts machen mir Angst.
Auf den nächsten Kilometern über die alte Küstenstraße radele ich sehr bedacht. Bloß nicht anstrengen. Hier fahren kaum Autos. Das nächste Dorf ist kilometerweit weg. Der Handel mit Unwahrscheinlichkeiten bestimmt plötzlich mein Denken: was wäre, wenn plötzlich mein Herz flimmern würde? Mutterseelenallein. Niemand würde mich wiederbeleben. Ich weiß nicht, wann und wie es passiert. Irgendwann wird es geschehen. Zack und weg.

 

Jürgen Rinck

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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