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Geschichten, die meine Oma erzählte: Wie ihr Vater bei jedem Fliegeralarm seinen Kontrabass mit in den Luftschutzkeller nahm. Wie im Nachkriegsköln vor einem komplett zerbombten Haus ein Schild hing, auf dem stand: „Bitte klingeln, sind auf dem Speicher.“ Ich will von meiner Oma erzählen. Sie kam zu ihrem 80. Geburtstag zu uns und blieb, bis sie starb. Meine Eltern hatten ihr eigenes Bett ins Esszimmer gestellt, dafür stand im Schlafzimmer ein Krankenhausbett, metallisch und grau, mit Bügeln zum Festhalten und Rollen zum Rumrollen. Oma hatte Krebs. Als sie kam, feierten wir ihren Geburtstag, da saß sie noch mit uns am Tisch und wirkte gar nicht so krank. Aber das täuschte, denn tatsächlich war sie schon sehr krank, so krank, dass man sie aus dem Krankenhaus zu uns ließ, weil man dort auch nichts mehr für sie machen konnte. Die Tage vergingen und heute fällt mir auf, wie wenig ich mich an diese Zeit erinnere, aber ich war auch vierzehn und gleichermaßen mit Teenagerdingen und mit Verdrängen beschäftigt. Es waren Osterferien, ich war vierzehn, meine Oma lag im Schlafzimmer in ihrem Krankenhausbett und war mit Weiterleben beschäftigt. Man weiß ja nie, wie lange Menschen noch mit Weiterleben beschäftigt sind, man kennt meist nur die Maßeinheit. Ob Tage oder Wochen oder Monate oder Jahre, das weiß man vielleicht, aber die Zahl davor ist nicht bekannt. Ob ich zu meiner Brieffreundin ins Münsterland gefahren wäre, wenn wir die Zahl vor der Maßeinheit gekannt hätten, weiß ich nicht. Wie lange ich da im Münsterland war und was wir da überhaupt die ganze Zeit machten, habe ich vergessen, so wie ich fast alles vergessen habe, was in diesen elf Tagen war zwischen Omas Geburtstag und dem Abend, als ich aus dem Zug stieg und meine Eltern auf dem Bahnsteig standen um mich abzuholen. Erstaunlich, wie gut das Gehirn manchmal funktioniert. Was man alles vergisst oder nicht beachtet oder verdrängt. Dann aber steigt man aus dem Zug und sieht die Eltern auf dem Bahnsteig stehen und das Gehirn fügt die Puzzleteile so schnell zusammen wie sonst fast nie. Denn es war ja sehr einfach: Wenn beide hier waren, war niemand zu Hause. Und wenn niemand zu Hause war, dann konnte sich niemand um Oma kümmern. Und wenn niemand zu Hause war, um sich um Oma zu kümmern, dann wohl nur, weil sich niemand mehr um Oma kümmern musste. Deswegen sagte ich auch nicht „Hallo!“ oder „Da bin ich wieder!“ oder „Schön, dass ihr mich abholt!“, sondern: „Aber was ist denn mit Oma?“ Meine Oma kam zu ihrem 80. Geburtstag zu uns und blieb, bis sie starb. Sie blieb elf Tage. Am Abend des elften Tages saß ich an ihrem Krankenhausbett und hielt ihre Hand und dann nahm ich ihre kleine blaue Taschenlampe, die sie immer in ihrer Nachttischschublade gehabt hatte und ging ins Bett.

Anne Schüßler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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