202

Die Tage werden länger und heller. Bald erreicht der Sommer seinen Höhepunkt. Ich schaue in die Sonne, klappe die Lider herunter und starre auf die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Mein Gesicht kenne ich nur aus dem Spiegel. Und aus dem Lächeln in Laras Augen. Dann und wann wische ich mit der Hand hindurch und frage mich, ob diese Texturen wirklich meine sind.

Lara sagte, ich solle mich nicht so anstellen. Komm wieder runter, sagte sie. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: verletzt werden und normal bleiben. Als Lara das sagte, war sie schon längst woanders. Die gute alte Zeit. Es hat sie nie gegeben. Über mir tanzen Vögel am Himmel, und in den Wolken liegt eine große Kraft.

Der Körper besteht überwiegend aus Wasser. Rot gefärbtem Wasser. Ich kann die Wellen spüren, wie sie von innen gegen die Haut klatschen und nicht raus können. Dieses ewige Gejammer vom Gefangensein. Dabei reicht ein kleiner Schnitt an der richtigen Stelle, damit das Jammern aufhört. Nur ein kleiner Schnitt öffnet die Grenze, und die Freiheit tröpfelt zu Boden. Es ist ein warmer Tag, ich friere nicht.

Die Zeit verschwindet. Immer wieder lässt sie uns zurück und schubst uns nach vorne. In mir jubelt Utopia mit abgeträumtem Volksfestschunkeln und will euphorisch sein. Der Jubel klingt wie ein Besetztzeichen. Die Enttäuschung kommt als kleiner Schmetterling, der lautlos herumflattert und nicht anders kann. Eigentlich ist es ein schöner Tag. Ein Rascheln und Zirpen legt sich über die weite Natur. Es ist Liebe in der Luft. Ich mache sie nicht mehr an, sagte Lara, und jetzt mache ich ihr nichts mehr aus. Nicht alle Menschen sterben erst im letzten Augenblick. Nicht jede Wirklichkeit will bleiben. Man lebt nur einmal in der Welt, die man kennt. Ein kurzes Blinzeln, dann wieder die dünne, rote Wand meines inneren Auges. Und immer noch tröpfelt die Ratlosigkeit als rote Farbe auf die Grashalme und versickert. Niemand ist wirklich gemein, alle sind nur mangelhaft und versuchen sich zu retten.

Die Sonne des Alltäglichen prasselt herab und macht keinen Unterschied. Es ist warm, so herrlich warm. Die Zeit will, dass wir glücklich sind. Lara will das auch. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: verschwinden und glücklich sein. Ein Wabern, das sich Persönlichkeit nennt, versucht sich vergeblich an einer neuen Ordnung. Ich bin nicht eins mit der Welt, und die Welt ist auch nicht eins mit mir. In der Tasche pochen die letzten Daten gegen den Stoff und drücken sich in die Haut. Es wird keine Antwort mehr geben. Nur Tatsachen und Tränen für die Hinterbliebenen.

Der gelbe Punkt am Himmel war auch schon mal wärmer. Die Stille höre ich nur noch aus weiter Ferne. Ein großer, ruhiger Schleier legt sich über die dünne Wand meines inneren Auges und dimmt das Rot ins Dunkel. Ich bin müde. Das Zittern zerfrisst die letzten Reste der Persönlichkeit. Ich fühle mich frei. Oder ist es die innere Leere? In der Konsequenz ist das egal. Jeder Untergang ist nur eine Frage der Zeit. Jeder Untergang ist auch ein Übergang. Ich habe kein festes Bild von mir. Was Lara jetzt wohl macht?

 

Dirk Bathen

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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