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„Kannst du kommen? Nine geht es sehr schlecht.“ Die Stimme meiner Schwägerin am Telefon.
Nine. Großmutter. Nicht meine eigene. Sie verlor ich schon vor langer Zeit. Nein, die vom Ex. Er hat sich scheiden lassen, seine Familie aber nicht. Nine schon gar nicht. Vielleicht ändert man sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr so einfach: sie liebte mich vom ersten Moment an.
Nine. Wie viele Kinder hatte sie? Ich bin nicht sicher, mindestens acht, die ich kenne.
Nine. Wenn sie im Sterben liegt, fliege ich, das ist so klar wie ihr Lächeln, mit dem sie mich an jedem Tag begrüßte, den ich in ihrer Nähe verbrachte. Kam ich an, in der Stadt, tauchte sie spätestens am nächsten Morgen auf, sei es aus der Stadtwohnung eines ihrer Kinder, sei es mit dem Bus aus dem Dorf, in den sie stieg, sobald sie von meiner Ankunft erfuhr. War ich im Dorf, hörte ich mehrmals am Tag das Klappern ihres Stocks auf dem unebenen Pflaster, das die roterdigen Gassen zwischen den kleinen Gehöften ein wenig befestigte. Was auch immer sie fand, brachte sie mit: frische Feigen, neuen Käse, Pistazien aus der letzten Ernte.

Flug und Busfahrt haben mich fast vierundzwanzig Stunden aufgehalten. Am Busbahnhof steht einer ihrer Enkel mit Frau. Nicht mein Ex. Der kommt nicht. Besser.
Wir fahren ins Dorf.
„Wie geht es ihr?“ Ich habe Angst vor der Antwort. Aber ich sehe keine Tränen.
„Sie lebt noch. Als wir ihr sagten, dass du auf dem Weg bist, hat sie gelächelt. Sie spricht nicht mehr, isst nicht, wir versuchen, ihr Wasser zu geben oder ein wenig Joghurt.“
Sie liegt auf ihrem Bodenbett: dicke, schafwollgefüllte Matratze, feste Kopfrolle, gesteppte Decke. Wie im Leben bedeckt ihr üblicher Kopfputz die Haare: ein Ring aus einem orangefarbenen, geblümten Tuch, fest ums Haupt gewickelt, darüber ein schwarzes Tuch mit rosaroten Rosen. Diese Blumenstoffe, die meine deutsche Familie immer so kitschig, so hässlich fand. Auch hier trägt sie fast niemand mehr. Sterben sie mit den alten Frauen?
Ihre Augen sind geschlossen. Schmerzen habe sie keine, sagen alle. Ihr Gesicht sieht friedlich aus. Ich greife nach ihrer Hand. Vorsichtig, wie man einen verletzten Vogel hält, bette ich sie zwischen meine Handflächen. Hart ist sie, die Tätowierung, die sich wie ein Schmuckstück über den ganzen Handrücken zieht, mäandernd zwischen den tiefen Falten.
Sie sieht mich an. Erkennt sie mich? Ich fühle einen leichten Druck auf meinen Händen. Flüstern.
„La illahe ill’Allah …“
Das Glaubensbekenntnis.
„Sie weiß, dass sie stirbt“, sagt die Tochter.
Wir alle wissen es. Sitzen da und warten. Sie lässt ihre Hand in meinen Händen. Ich kann ein Zittern spüren. Die Uhr tickt. Die sonnenbeschienene Fläche im Zimmer wird größer, je tiefer die Sonne sinkt. Das Gold des Lichts färbt sich langsam rötlich. Rötlich, wie die Feuchtigkeit, die Nines Mundwinkel nässt.
Dann ist das Licht fort. Die Hand still, von kühl auf kalt wechselnd. Nur meine Tränen sind heiß. Sie fühlt sie nicht mehr auf ihrem Gesicht, auf das sie hinabtropfen. Nine.

 

Susanne Döring

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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