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Nur ein komplexer Verdrängungsmechanismus erlaubt uns, mit unserer eigenen Sterblichkeit zu leben.

Kurz nach der Dämmerung leuchtet vor mir ein Warnblinker auf, dann zwei, drei, viele. Innerhalb kürzester Zeit stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Nichts bewegt sich mehr. Ich schalte um auf Radio, wegen Verkehrsfunk. Eine Moderatorin spricht vage von „Unfallaufnahme“.
Rettungswagen. Bevor ich das Martinshorn höre, sehe ich im Spiegel eines LKW bereits die Reflexionen des Blaulichts. Im Auto neben mir eine junge Frau, ihre blonden Haare im Rhythmus kaltblau beleuchtet. Sie sieht konzentriert nach hinten und versucht, den Wagen mehr Platz zu machen. Ich zähle unwillkürlich: Eins. Zwei? Fuck! Drei. Die junge Frau schaut mich ratlos an und nickt dann kurz. Wir lächeln beide nicht.
Wieder Sirenen. Erst nähern sich Licht und Ton schnell, dann bleibt der Abstand zu uns eine halbe Ewigkeit gleich. Hektisch versuchen zwei Autos, dem ankommenden Drehleiterfahrzeug nach rechts und links auszuweichen. Wo der Rettungswagen noch locker durchpasste, muss sich nun die Feuerwehr einen Weg frei kämpfen. Ich greife nach dem Schlüssel und mache den Motor aus. Wie viel Zeit ist vergangen, seitdem ich hier stehe? Es können nur Minuten gewesen sein. Weiter vorne, hinter der Kurve, der schwache Schein bereits angekommener Rettungsfahrzeuge.
Während ich auf die Ladeklappe eines LKW starre, mache ich mein Scheinwerferlicht aus. Neben mir hat eben der Motor aufgehört zu brummen. Jetzt schaltet auch der LKW hinter mir ab. Dann löschen alle Fahrer nach und nach die Lichter. Wie eine Staffette, deren Beginn und Ende ich gerade nicht sehen kann. Wie auf einem Live-Konzert, wenn nach der Ballade die Feuerzeuge wieder ausgehen, erst zögernd, dann beinahe zugleich. Es wirkt, als würden wir in diesen Autos unsere Hüte ziehen, nicht ganz simultan, wie bei einer Beisetzung. Und plötzlich bin ich mir völlig sicher, dass da vorne, da, am Ende dieses Staus, gerade ein Mensch gestorben ist. Ich bekomme Gänsehaut und fühle mich klamm. Der Autolärm auf der Gegenseite wirkt kilometerweit weg.
Dann noch ein Drehleiterfahrzeug. Ein Einsatzwagenleitfahrzeug. Ein Tanklöschfahrzeug. Ein Notarztwagen. Leicht manisch sage ich die Namen der Fahrzeuge, die ich von meinem Sohn kenne, vor mich hin.
Die Menschen steigen aus und treiben sich zwischen den Autos herum. Manche rauchen. Keiner lacht. Ich betreibe Smalltalk mit einem Mann, der mich sofort duzt. Das fühlt sich irgendwie richtig an.
Nach fast zweieinhalb Stunden setzen sich die Fahrzeuge vor mir in Bewegung. Langsam werden wir an der kaum einen Kilometer weiter weg liegenden Unfallstelle vorbei geleitet. Überall winzige Scherben. Mindestens drei völlig kaputte Fahrzeuge kann ich erkennen. Dann bin ich vorbei.
Der Verkehr fließt wieder, die Autos rasen links vorüber, manche drängeln. Bereits jetzt sind alle wieder in ihrem Alltag angekommen.

Erst am nächsten Morgen lese ich von der jungen Frau, die noch an der Unfallstelle starb.

 

Julia Schönborn

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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