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Scharfe Schatten warf der Tod, vor zwei Jahren. Dein Telefonanruf. Dein Schluchzen, mein Unglauben. Testergebnisse von Ärzten, die auf ihrem Gebiet die besten sind. Du hast gekämpft, jeden Tag ein bisschen. Der Todesschatten blieb kurz und spitz. Mehr Ahnung als echte Bedrohung. OP-Termine. Therapien in Kliniken. Der Sommer kam und ging. Ein bisschen müde warst du. Und dann wieder du selbst: fit, stark, entschlossen.

Unsere Treffen: Schwarztee und Kuchen. Kurze, schnelle, hektische Momente. Dein Telefon klingelt unentwegt – deine Frauen brauchen dich. Permanent. Dazwischen deine Erschöpfung. Deine Träume von der Auszeit. Fest geplant, Anfang des Jahres 2015. Keine Termine, kein deutscher Winter, kein Telefon, kein Internet. Vor allem keine Buchhaltung!

Dann wird der Schatten länger: Routineuntersuchung. Die Werte sind schlecht, du sollst zurück unters Messer. Und weigerst dich. Siehst den Sinn nicht. Hältst den Kopf hoch, die Schultern gerade. Wir sitzen in deinem Garten bei Tee und Kuchen. Das Telefon ist stumm. Du sparst deine Kräfte, machst langsamer.

Wir kriegen Angst.

Auf Facebook bist du kompetent wie immer. Klare, knappe Antworten. Vermittelst Fachwissen, gibst Hinweise, beruhigst. Am Telefon bist du kurzatmig. Du hustest. Wochenlang. Irgendwann erzählst du uns: Ich will nicht mehr. Manchmal bricht deine Stimme, am Telefon. Der Todesschatten wird gigantisch.

Wir sorgen uns. Um dich. Um deine Familie, die spät von alledem erfahren hat.

Das Geflüster beginnt. Sagen sollen wir nichts. Also schweigen wir. Oder sagen, du wärst halt grad krank. Was wir nicht sagen: Dein Körper kämpft gegen dich. Wir sagen nicht: he, das geht dich nichts an! Wir schütteln die Köpfe und bleiben schwammig.

Wir sind ratlos.

Hilfe willst du nicht. Mitleid willst du nicht. Kraft schicken dürfen wir. Zu wem-auch-immer beten – auch. Das ist o. k. Wohin mit unseren Gedanken? Wir reden über Belangloses. Über Krankenkassen und Kuchenrezepte. Über deine Pläne für die Auszeit. Es ist Herbst, du hast noch immer kein konkretes Ziel. Sei ehrlich – du hast es geahnt. Den Todesschatten hast du längst bemerkt.

An einem Montag der Anruf. Du liegst auf Station sowieso, Krankenhaus. Der Schatten wird länger, die Sonne sinkt. Unser Gefühl sagt uns, die Zeit rennt. Ein letzter Besuch am Abend. Unvermeidlich, gemeinsam mit den Kindern.

Friedlich liegst du im Bett. Bist ganz sanft. Das gibt uns den Rest.

Denn du kämpfst nicht. Lächelst geduldig. Beantwortest die kindlichen Fragen nach Infusion, Morphium-Dosierung und Krankenhausbett. Wir Erwachsene sind stumm.

Die Medikamente sind stark, unser Besuch bleibt kurz. Ich erreiche eine gemeinsame Freundin. Fotos deiner Kinder werden gesammelt – sie schmücken die leere weiße Krankenhauswand. Das zu organisieren, hilft uns. Deine Familie sagt, es hilft auch dir.

Es ist November 2014. Deine Asche verweht im Wind. Wir sollen tanzen und feiern, das ist dein Wunsch. Wir können nicht – noch nicht. Aber wir werden. Versprochen.

 

Sabrina Sailer

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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