193

Josefine hört die gedämpften Geräusche des Spitals. Sie lässt sich in die Dämmerung hinein treiben und die Dämmerung wird zur Nacht.
Josefine weiss, dass ihre Ohren bald schon nichts mehr hören, keinen Vogelruf, kein Kindergeschrei, keinen Geigenklang. Josefine strengt sich an. Sie versucht, ihr Ohr zu spüren, zuerst das linke, dann das rechte. Sie weiss um die Henkelform einer Tasse, die das Ohr auch ist. Sie versucht, in das Innere der Muschel zu gehen – sie müsste viel mehr wissen, medizinisch! Die Möglichkeit zu hören kommt ihr äusserst kostbar vor. Wird sie auch ohne Körper hören können? Wird eine Essenz ihrer selbst bleiben, wenn der letzte Atemzug getan ist? Josefine könnte schwören, sie höre ein heiteres Lachen, leise und freundlich. Was soll dieses Fragen, Josefine, du weisst ja schon alles! Das innere Ohr ist ein feiner Seismograph deiner Essenz, deiner Alchemie, die einmalig ist, so, in diesem Körper. Aber etwas bleibt, das ist ewig. Was ist die Ewigkeit? Wo kommt sie her? Hat sie noch einen anderen Namen? Lebt Gott in Ewigkeit? Wer ist Gott? Wo ist Gott? Leben die toten Dinge? Oder schlafen sie?
Will Josefine die Dinge wecken?
Den Stuhl, den Tisch? Das Bett, das ihren Körper trägt?
Josefine weiss es nicht, sie liegt still da und hört dieses warme Atmen in sich verklingen. Eine verzauberte Stunde. Josefine weiss es. Aber wenn es ums Sterben geht, gibt es keine Ablenkung mehr. Nur dieses konsequente Innehalten. Unentrinnbar? Dir selbst kannst du nicht entrinnen, Josefine, ja, das stimmt. Ist Materie lediglich Materie? Woraus besteht ihr Körper, der in einigen Tagen verbrannt werden wird?
Kann der Tisch seine Dichte preisgeben? Seine Materie öffnen? Sich als Illusion entpuppen? Die Sprache verschwindet in Josefine. Sie hat ihren Sinn verloren – hat sie ihren Sinn verloren? Bilder kommen und gehen. Bilder mit Luft gemalt. So kommt es ihr vor. Ihr Körper ist leicht. Sie schwebt. Endlich ist Josefine frei, in dieser Nacht. In dieser Nacht ist Josefine frei.

Judith schaut auf den Körper ihrer Mutter. Dieser Körper hatte einen Namen erhalten, damals. Nun liegt er da, schön geordnet, ein letztes Mal gekleidet. Die rote Strickjacke steht ihr gut ins gebräunte Gesicht, auch jetzt hat sie die Farbe noch nicht verloren. Die Kühle des Raumes verzögert den Prozess. Eine rote Rose liegt auf Josefines Brust, als würde sie aus den gefalteten Händen hinaus wachsen, als wären die Hände Erde. Die Hände wirken überdimensioniert, der linke kleine Finger ist gekrümmt – wonach wollte sie greifen in diesen letzten Stunden? Der Sarg ist weiss ausgekleidet, schimmert matt wie ein Hochzeitskleid. Vermählung mit dem Tod. Das Festkleid, um dem Übergang angemessen zu begegnen.
Es ist kein Lächeln auf dem Gesicht. Der Mund ist geschlossen, die Lippen fest aufeinander gepresst. Ein schönes Gesicht, denkt Judith, immer noch schön. Es könnte das Gesicht einer Indianerin sein. Eine Stammesälteste vielleicht, die trotz Schmerzen und Kampf würdevoll gestorben ist.

Judith beginnt zu frösteln und packt die Kamera in die Tasche, beugt sich nochmals über den Sarg und drückt der Mutter einen angedeuteten Kuss auf die Stirn, ohne sie zu berühren.
Judith geht mit zögernden Schritten aus dem Raum, muss einen weiteren durchqueren und tritt in die Helle hinaus. Sie hat die Mutter endgültig hinter sich gelassen, sie muss diesen Körper nun den Männern überlassen, die den Sarg holen. Sie muss den Körper der Mutter dem Feuer überlassen. Es wird sich gierig in das Holz fressen und dann in das Körpermaterial hinein greifen, die Strickjacke wird zischen und die Hände auseinander fallen und das Hochzeitskleid verbrennen.
Den Übergang wird Mutter namenlos zu bewältigen haben, der Name wird von ihr abfallen wie ein reifer Apfel, der zur Erde fällt. Was bleibt , wenn sie keinen Namen mehr hat? Eine Essenz, die köstlich ist, flüstert es in Judith und diese Antwort muss vorerst genügen.

 

Ruth Loosli

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.