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Wien gilt als die Hauptstadt des Todes. Und es ist etwas daran. Nirgends habe ich eine so elegante Professionalität der Sargträger, die hier Pompfüneberer heißen, erlebt wie in Wien. Die tragen, wie auch der Kreuzträger, eine Art Uniform samt einer steifen Kappe und agieren ernsthaft und ausgesprochen würdig, so dass es eine Lust ist, ihnen zuzusehen. Die städtische Bestattung wird noch übertroffen von privaten Unternehmen, da erlebt man dann sogar Dreispitze und Umhänge und fühlt sich wie in der Oper. Ich liebte Beerdigungen immer schon, nicht erst in Wien. Manche Menschen finden das seltsam, bedenklich, abgedreht. Müsste ein Pfarrer nicht Taufen und Hochzeiten viel mehr schätzen? Müsste nicht auch er Probleme haben mit dem Dienst auf dem Friedhof? Aber ich liebe Beerdigungen mehr als alle anderen „Amtshandlungen“, ich mache sie gerne und gut, regelmäßig bekomme ich sehr positive Rückmeldungen. Aber wie kann man Beerdigungen lieben? Ist das nicht doch pervers, morbid? Nein, ist es nicht. Niemals sind Menschen so sehr spirituell geöffnet wie im Umkreis des Todes, die Sterbenden, die Angehörigen, die Trauernden. Und warum ich Pfarrer bin, erschließt sich mir am klarsten bei Begräbnissen: Das Agieren an der Grenze zum Unsagbaren. Und ich liebe es, wenn einem alten Säufer eine Flasche Wodka in den Sarg gelegt wird. Wenn am Grab einer Kaffeetante eine Kanne Kaffee ausgegossen wird. Wenn Menschen vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten die wesentlichen Fragen stellen. Wenigstens für kurze Momente. Immerhin für diese Momente. Immer schon liebte ich Beerdigungen, und dann kam ich nach Wien. Und was gibt es Schöneres, als auf dem Wiener Zentralfriedhof hinter dem Kreuzträger und vor dem Sarg herzugehen?

 

Uwe Kühneweg

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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